Roland Barthes’ Theorie der Fotografie als ein Stück persönlicher Erinnerung

Der Antrieb, aus dem ein kreativer Prozess entsteht, kann vielfältiger Natur sein. Roland Barthes‘ Veröffentlichung Die helle Kammer wird maßgeblich vom Tod seiner geliebten Mutter initiiert und getragen. Es sollte seine letzte Veröffentlichung sein, bevor auch er 1980 drei Jahre nach seiner Mutter vom Tod verstirbt. Die enge Verbindung der beiden zeigt sich nicht nur in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Ableben der beiden, sondern auch darin, dass sie zeitlebens ohne Unterbrechung zusammenlebten. Und dennoch verschwieg Barthes ihr seine Homosexualität, was an einigen Punkten des letzten Werks durchscheint. So ist Die helle Kammer mehr als das letzte Werk einer der prägendsten Persönlichkeiten der Literaturwissenschaft und Philosophie des 20. Jahrhunderts, vielmehr noch zeigt sich in ihm die Vergänglichkeit der Existenz des Autors sowie die Erinnerung an die geliebte Mutter. Diese persönlichen Erinnerungen und Reflexionen sind so in der Lage, weit mehr über Barthes auszudrücken als es bloße biografische Angaben könnten. Aus diesem Grund soll hier der Versuch entstehen, Barthes‘ Theorie der Fotografie in aller Kürze des Formats darzustellen und die persönliche Bedeutung des Werks für ihn zu Tage zu bringen.
Die Fotografie versteht Barthes als ein Medium der Moderne, das dadurch gekennzeichnet ist, genau diese Einmaligkeit des Augenblicks und die Vergänglichkeit einzufangen und weiterzutragen. Das Es-ist-so-gewesen, wie er die Fotografie im zweiten Teil des Werks nennt und damit ihr Wesen gefunden zu haben scheint, spiegelt die Erinnerungsgeste für die Mutter wider, die das Buch trägt. Der Weg zum Wesen der Fotografie entwickelt sich für Barthes – ganz im Zeichen der subjektiven Wissenschaft, als die er seine Methode selbst beschreibt – zu einer persönlichen Reise in die eigene Vergangenheit. So sind in der hellen Kammer die Suche nach Erkenntnis und eine gleichzeitige Suche nach dem eigenen Selbst, der eigenen Geschichte eng miteinander verknüpft. Das eine Foto, welches letztlich als eine Art Blaupause für die ganze Theorie ist, ist nicht umsonst ein Porträt der geliebten Mutter aus deren Kindheit. Eine Merkwürdigkeit dabei ist sicherlich, dass Barthes im Essay sämtliche Fotografien bespricht und diese auch abgedruckt sind – das entscheidende Foto bleibt den Leser*innen jedoch verborgen. So wird man als Leser*in dazu gezwungen, Barthes‘ Erinnerungen an einen toten Menschen zu folgen. Der Tod ist für ihn in der Gesellschaft fest verankert und stets präsent, seine Theorie sieht ihn dabei mehr in der Fotografie als in der Sphäre des Religiösen, was die Theorie zu einer genuin modernen werden lässt. Die religiöse Sphäre ist dabei insofern mit der Fotografie verknüpft, als durch das Es-ist-so-gewesen das lebendige Bild von etwas Totem transportiert wird. Durch die Einbettung Barthes‘ der ganzen Untersuchung in einen religiös-mythischen Kontext zeigt sich so die Analogie zur christlichen Auferstehung. Das Moderne der Theorie ist nun, dass sie gänzlich ohne ein religiöses oder mythisches Medium wie etwa Gott auskommt, da hier die Fotografie das Medium ist. Dadurch erschafft Barthes eine moderne Medientheorie, obgleich das gesamte Werk immer wieder religiöse Bezüge heranzieht.
Ein Foto ist für Barthes somit mehr als eine bloße Erinnerung, es zeigt dem Menschen die eigene Vergänglichkeit, das Es-ist-so-gewesen. Dies ist für ihn das Wesen der Fotografie in der Moderne, der Tod findet sich nun nicht mehr im Religiösen, sondern in Fotografien, die das Leben aufbewahren können. Barthes‘ Theorie verfolgt den Anspruch, den objektiven Gehalt von Bildern zu erklären und grenzt dies bewusst von der persönlichen Erinnerung ab. Es zeigt sich jedoch in seiner Untersuchung, dass der eingeschlagene Weg der subjektiven Wissenschaft und das Betrachten von Fotografien gerade nicht gänzlich ohne die persönliche Erinnerung auskommt, sie Motor für das Schaffen ist. Im persönlichen Fall von Barthes bedeutet die Suche nach dem einen Foto der Mutter und das Ableiten der Theorie daraus eine persönliche Reise in die Vergangenheit und eigene Geschichte.

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