Interview zum 97. Kunsthistorischen Studienkongress zu Berlin

Vom 28. November bis zum 1. Dezember 2019 fand in Berlin der 97. Kunsthistorische Studierendenkongress (KSK) zum Thema „Exzess“ statt. Er ist einerseits die Vollversammlung aller Studierenden der Kunstgeschichte und Kunstwissenschaften im deutschsprachigen Raum und damit hochschulpolitisches Gremium wie jede andere Bundesfachschaftentagung, andererseits ein wissenschaftlicher Kongress, der jedes Semester in einer anderen Universitätsstadt stattfindet und sich mit kunsthistorischen Vorträgen, Workshops und einem umfangreichen Rahmenprogramm einem Thema annähert. Er wurde von einem Organisationskomitee aus Studierenden der Humboldt-Universität zu Berlin und der Freien Universität Berlin organisiert und ausgerichtet.

Unser Redaktionsmitglied Luis Gruhler besuchte die Tagung und unterhielt sich mit einem der Organisator_innen, Tim B. Boroewitsch. Das vorliegende Gespräch wurde Anfang Januar in einem Café in Schwabing geführt.

Luis Gruhler: Tim, wie kam es zu dem Thema “Exzess”?

Tim B. Boroewitsch: Wir spielen gern mit Klischees, die nicht nur lustig sind, sondern sich auch bewahrheiten. Das Thema hat eine der Berliner Organisator_innen schon auf dem 95. KSK in Köln vor einem Jahr vorgeschlagen. Wir saßen nach einem Galeriehopping durch eine Siebzigerjahre-Straßenunterführung mit Studierenden aus Essen, Wien und Dresden in einer kleinen miefigen Kneipe über einigen Gläsern Kölsch zusammen und der Begriff “Exzess” kam auf. In Berlin haben wir reichlich Gelegenheit, diesem Exzess persönlich nachzugehen. Die Stadt ist aber auch von fachlichem Standpunkt ein geeigneter Austragungsort. Wie kaum woanders sind im Stadtbild die katastrophalen historischen Exzesse des 20. Jahrhunderts sichtbar. Es gibt hier zahlreiche Ausstellungen und aktive Kunstschaffende, die zum Thema arbeiten. Einige davon konnten wir in das Kongressprogramm einbeziehen.

Der Berliner Kongress, den du mitveranstaltet hast, ist bereits der 97. Der KSK hat also schon eine gewisse Tradition etabliert. Wo liegen seine Anfänge?

Die KSK wurde Januar 1969 zum ersten Mal in Bonn, damals noch unter der Bezeichnung „Kunsthistorische Studentenkonferenz“, ausgerichtet. Sie ist aus der ‘68er-Bewegung entsprungen und nahm Anstoß an einem „Deutschen Kunsthistorikertag“ im Jahre 1968 (der Konferenz der etablierten Kunsthistoriker_innen), auf dem mit einem sehr engen Begriff von Kunstgeschichte und unzeitgemäßem Vokabular gearbeitet wurde und die Beiträge des Nachwuchses nicht gehört wurden. Diese Tagung war Sinnbild einer verstaubten Wissenschaft, die neue Perspektiven ausblendet.

Kann man also sagen, dass die Konferenz damals Teil des Modernisierungsprozesses der Kunstgeschichte war? Steht sie auch für einen Bruch mit einer bestimmten Tradition oder eher für eine moderne Fortsetzung?

Naja, Brüche klingen immer so heroisch und revolutionär. Die KSK ist eine Erscheinung der Studierendenbewegung, der Demokratisierung universitären Arbeitens. Die Kunstgeschichte als eine geisteswissenschaftliche Disziplin ist eine lebendige Wissenschaft, die verschiedene Perspektiven nötig hat. Mit der KSK hat sich eine Stimme Gehör verschafft, die forderte statt nur Marienbildern auch Photographie im kunstgeschichtlichen Studium zu thematisieren, neben den gerahmten Ölgemälden auf Leinwand auch andere Bilder jeder Art zu analysieren und neue Medien in den Kanon aufzunehmen. Diese Stimme war eine befreiende Stimme, die widersprach. Das brauchte der wissenschaftliche Diskurs und das braucht er auch heute.

Für die Eröffnungsveranstaltung habt ihr Horst Bredekamp gewinnen können. Der war dabei sehr von Nostalgie erfüllt, wie mir scheint. Sinngemäß enthielt sein Vortrag vor allem die Aussage: “Den KSK hab doch ich erfunden!” Dann zeigte er begeistert Fotos von den ersten Veranstaltungen aus dem Frühjahr 1969, schwärmte von seiner Schreibmaschine, auf der er neomarxistische Texte verfasste, und vom Klebergeruch der alten Vortragszettel.

Horst Bredekamp hat in seinem historischen Exkurs die Stimmung bei den ersten KSK vor 50 Jahren sehr greifbar gemacht. In den ersten Jahren fand sich die KSK mehrfach im Jahr zusammen, bis zu viermal. Sie wurde relativ spontan ausgerufen und war fast ausschließlich politisches Diskussionsforum. Es herrschte eine Streitkultur, die dann auch auf die „Deutschen Kunsthistorikertage“ getragen wurde. Tagsüber wohnten die Studierenden den Konferenzbeiträgen bei, abends diskutierten sie sich untereinander und verfassten Resolutionen, die nachts vervielfältigt und am Folgetag verteilt wurden.

Ist die Konferenz noch wie damals?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Heute läuft alles sehr geordnet. Auf dem laufenden Kongress wird bereits der Austragungsort des übernächsten gewählt, insgesamt dauert er meistens vier Tage lang und bietet mehr oder weniger immer dasselbe Programm zu anderem Thema. Seit den frühen Nuller-Jahren wurde von diesem Ablauf nicht maßgeblich abgewichen. Das KSK-Archiv Hamburg leistet große Arbeit, die Geschichte des Kongresses aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Nur so können wir uns eine Vorstellung von den vergangenen Jahrzehnten machen. Ich spüre aber seit ein paar Kongressen eine gewisse Repolitisierung. Das Plenum, also der politische Teil, erhält wieder mehr Platz, der KSK-Sprecher*innenrat, der die Studierenden der Kunstgeschichte zwischen den Kongressen vertritt, wächst, wird aktiver und handlungsfähiger und wir verabschieden wieder Stellungnahmen oder schließen uns Initiativen und Aufrufen an.

Und der Kongress findet jedes Mal unter einem bestimmten thematischen Schwerpunkt statt.

Ja. Jeder Kongress hat sein Thema, in unserem Fall war es der „Exzess“. Dieses Thema ist der Aufhänger für alle Programmpunkte. Die Vorträge, die zu halten sich Studierende, Promovierende und Volontär_innen bewerben können, werden so ausgewählt, dass sich daraus ein möglichst vielseitiges Bild auf das Kongressthema ergibt. So achteten wir darauf, aus allen Epochen, in allen Gattungen und zu allen Sujets Vorträge zusammenzustellen, die sich aufeinander bezogen, ein Thema von verschiedenen Blickwinkeln behandelten oder aber in direktem Widerspruch stehen. Es ist auf jedem KSK spannend zu beobachten, wie die Teilnehmenden sich über die Tage hinweg einem anfangs noch abstrakten Thema nähern.

Auch das recht umfassende Rahmenprogramm war auf das Thema ausgerichtet. Was gab es da alles für Veranstaltungen abseits der Universität?

Wir boten dieses Mal 18 Workshops an, die in Berliner Museen, anderen Kultureinrichtungen, dem Stadtraum oder im Seminarraum stattfanden. Wir ließen uns von Direktor_innen, Kurator_innen, Volontär_innen oder Studierenden durch die wichtigsten Sammlungen Berlins, durch Vermittlungsstätten, Galerien und Werkstätten führen und besprachen kontroverse Ausstellungen, fuhren im Kleinbus zu expressionistischen Backsteingebäuden oder spazierten durch die StreetArt-Szeneviertel der Hauptstadt. Dabei gelang es uns vielfach, Orte zu öffnen, die der Öffentlichkeit normalerweise verschlossen bleiben.

Insbesondere die expressionistische Architektur Berlins hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich denke aber vor allem auch an das Mossehaus, das ja nach den Spartakusaufständen im Zuge der Revolution niedergebrannt wurde und 1923 dann im Stil der Neuen Sachlichkeit umgestaltet wurde. Die historischen Ereignisse sind hier samt der prägenden Stilrichtungen der architektonischen Moderne eigentümlich konserviert.

Mit Stilzuschreibungen möchte ich vorsichtig sein, besonders in einer Zeit wie zwischen den Kriegen, in der so viele Einflüsse miteinander in Wechselwirkung treten und aufeinander reagieren. Es gibt nicht eine Moderne, sondern viele, die nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. Was Du ansprichst, kann ich aber nachvollziehen. Ich verspürte eine ähnliche Stimmung im Ullsteinhaus.

Ja, auch das Ullsteinhaus, das wir ja auch von innen besichtigen konnten. Gerade der Neubau daneben lässt verschiedene Ebenen der modernen Architektur aufeinandertreffen. Dem nicht kunsthistorisch geschulten Auge, sofern mir da ein Urteil zusteht, entgeht ja leicht der ganze geschichtliche und künstlerische Komplex, an dem man sonst schlicht vorbei sieht in einer Art Naivität, in die man leicht zurückfällt. Mir fällt dazu auch der Workshop zu einem Deckengemälde von Sebastiano Ricci ein, “Die Olympischen Götter”. Ich erinnere mich, dass viel darauf reflektiert wurde, wie das Gemälde selbst ästhetisch davon affiziert ist, dass es nicht mehr in einem venezianischen Palast hängt, sondern in Deutschland, in einem Nebenraum der Berliner Gemäldegalerie.

Gerade solche Erfahrungen wollten wir damit lebendig machen und gerade deshalb konnten wir in Berlin auch eine solche Fülle von Themen anbieten. In dieser Stadt gibt es überall solche Ungereimtheiten, mit denen wir uns beschäftigen müssen. Das Deckenfresko, das in der Gemäldegalerie hängt, einem Ort, für das es nie gedacht war, der über 250 Jahre nach dem Kunstwerk errichtet wurde, ist dabei ein gutes Beispiel. Das Treppenhaus übrigens ist stillgelegt und wir mussten bei den Staatlichen Museen die Nutzung der Treppe selbst anfragen, damit der Workshop beim Betrachten aufsteigen konnte und die Kunsterfahrung noch sinnlicher wurde.

Mir scheint, dass diese Ungereimtheiten, die sich vermutlich in der ganzen Kunstgeschichte und in vielen Themenbereichen wiederfinden, auch auf dem Thema zum Kongress, also im Begriff “Exzess” selbst unterschwellig stets präsent waren. Dieser Begriff blieb bei allen Veranstaltung ja auch schillernd: Exzess als Ausbruch und Freiheit wie in den Frauen-Gemälden von Karl Hubbuch; Exzess aber auch als eine Erfahrung der, ich möchte sagen Widerstandslosigkeit, der implizierten Leere, die exemplifiziert wurde an dem “Exzess des Nichts” in einem Vortrag über Francis Bacon.

Ich würde sagen, diese Widersprüche sind für die Kunst der Moderne wesentlich.

Es gab dann schließlich an jedem Tag eine Abendveranstaltung, bei denen alle noch einmal zusammenkamen.

Ja, es ging uns dabei darum, den Kongress inhaltlich und sozial zu rahmen. Wir eröffneten am Donnerstagabend ‒ nach einem vollen Workshop-Tag ‒ den Kongress mit einer Gesprächsrunde mit prägenden Persönlichkeiten aus dem Kunst- und Kulturleben Berlins. Am zweiten Abend wurde ein altehrwürdiges Treppenhaus in der Humboldt-Universität zum Club, um den Teilnehmenden nach all der theoretischen Beschäftigung mit dem Exzess auch eine praktische Annäherung anzubieten. Der Samstagabend bot Raum, eine Ausstellung zu eröffnen, die das Organisationskomitee mit einem Künstler_innen-Duo eigens für den Kongress kuratierte. Das ließen wir in einem Projektraum in Neukölln stattfinden, von dem aus nach der Vernissage die Gruppen in die Kneipen strömten.

Gerade die Gesprächsrunde am ersten Abend war dann noch einmal weitgefächert. Wie bereits erwähnt hatte Bredekamp zunächst nur mit der Vergangenheit sich beschäftigt. Jetzt kamen noch einige andere zu Wort mit aktuelleren Themen. Das funktionierte zum Teil ganz gut, manchmal redete man aber auch aneinander vorbei.

Bei der Gesprächsrunde war es uns wichtig, das Podium so divers wie möglich aufzubauen. Wir wollten verschiedene Berufsfelder abbilden, die in universitären Podiumsdiskussionen selten auftauchen. Mit Meike Hoffmann, Provenienzforscherin am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität, Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, Anna Gien, Schriftstellerin und Kolumnistin, sowie Kristian Jarmuschek, Vorsitzender des Bundesverbands deutscher Galerien und Kunsthändler, trafen da auch ganz verschiedene Positionen aufeinander.

Hinzu kommt, dass das Publikum dann auch mit einem Online-Tool einbezogen wurde, um Fragen an das Podium live weiterzugeben. Das brachte manchmal tatsächlich so etwas wie Subversion in das Ganze.

Ein Gespräch, bei dem schon von Anfang klar ist, was herauskommt, ist entsetzlich langweilig. Wir wollten also nicht mit den immergleichen Standardfragen die immergleichen Standardantworten provozieren. Das Publikum sollte spontan die Fragen stellen, die auch wirklich interessieren. Es hatte auch die Möglichkeit, sich Fragen anzuschließen, um zu zeigen, was der Großteil des Raumes wissen möchte. Die Gesprächsrunde war insofern ein Experiment und wir wussten nicht, wie sie endet. Das funktionierte auch erstaunlich gut.

Und auch wenn es nicht zu lautstarken Streitereien kam, hat das die Diskussion in stockenden Momenten doch etwas aufgeheizt.

Wir sind ein studentischer Kongress, wir haben nicht den Anspruch, konform zu sein. Es soll auch exzessiv diskutiert werden.

 

 

Plakat des 97. Kunsthistorischen Studierendenkongresses zu Berlin. Gestaltung: Max Hausmann

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