Antisemitismus heute

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs gehört der Kampf gegen den Antisemitismus nicht nur zur Identität der damaligen Alliierten, zuvorderst der USA, sondern hat sich auch sonst in weiten Teilen der Welt als mehrheitsfähiger Imperativ etabliert. Mehrheitsfähig ist dieser Imperativ allerdings nur, wenn man ihm einen verkürzten Antisemitismusbegriff zugrunde legt, der ausschließlich Parolen und Angriffe umfasst, die explizit auf die Ablehnung jüdischen Lebens gerichtet sind. Der vorliegende Essay versucht im Gegenteil darzustellen, dass Antisemitismus, der nie durch jüdisches Leben erklärbar war, sondern nur immer die Juden traf, immer noch nicht wegzudenkender Bestandteil moderner Verhältnisse ist.

Antisemitismus zeigt sich heute nicht mehr nur als gegen jüdische Menschen gerichtet, sondern als struktureller auch als Feindschaft gegen alles, was mit dem Jüdischen assoziiert wird. Prägnant tritt das in Verschwörungstheorien hervor, die gleich einem Gesetz folgend nahezu immer auf Judenfeindschaft hinauslaufen. Exemplarisch dafür steht das von dem Jesuiten Augustin Barruel 1797 in die Welt gesetzte Gerücht über ein Komplott von Freimaurern, Aufklärern und Jakobinern zur Vernichtung des Christentums: Zwar hatte er Juden gar nicht erwähnt und Freimaurerlogen schlossen Juden überwiegend aus, doch nur wenige Jahre später war die verbreitetste Version dieser Verschwörung, dass jüdische Illuminaten die genannten Gruppen zum Zwecke einer jüdischen Weltherrschaft zusammengebracht hätten. Dass der Illuminatenorden explizit antijüdisch war, als Gegenpol zu den Freimaurern gegründet wurde und bereits nach weniger als zehn Jahren Existenz 1784/85 auf kurfürstlich bayerisches Geheiß aufgelöst wurde, tat der Popularität der Wahnidee keinen Abbruch.[1]Vgl. Larsson 1994: Die Macht einer Lüge, S. 20f.

Den Ansatz einer Erklärung dafür eröffnet ein Blick in die Geschichte. Schon im Römischen Reich war eine Polemik gegen Juden gängig, die diesen einen Hass auf alle Menschen unterstellte („odium humani generis“) und sich bereits auf ungewöhnlich heftige Verfolgungsepisoden vor Christi Geburt berufen konnte.[2]Für Näheres dazu vgl. Schäfer 2010: Judenhaß und Judenfurcht. Darauf baute der christlich-religiöse Antijudaismus auf, der vor allem mit dem Vorwurf des Mordes an Jesus gerechtfertigt wurde. Dieser trug bereits im Mittelalter verschwörungstheoretisch anmutende Vorwürfe zu Tage: Juden hätten sich in geheimen Versammlungen zusammengetan um durch Brunnenvergiftung den Schwarzen Tod und später andere Krankheiten zu beschwören und rituell das Blut Neugeborener zu trinken. Die Monstrosität dieser Vorwürfe ging einher mit immer radikalerer Verfolgung, Vertreibung und Ermordung, die kaum mehr allein religiös zu erklären sind.[3]Heil 2003: Matthaeus Priensis, Henry Morgenthau und die jüdische Weltverschwörung, S. 133f.

Spezifisch völkisch wurden die antisemitischen Verschwörungstheorien mit dem Buch „Der Weg zum Siege des Germanenthums über das Judentum“ (1880) von Wilhelm Marr (1819-1904). Laut diesem wollte eine Gruppe von international vernetzten Juden alles Deutsche vernichten. Die Judenfeindschaft im Umfeld Marrs, zum ersten Mal als Antisemitismus bezeichnet, wurde abgeleitet aus der Zugehörigkeit der Juden zur als minderwertig angesehenen Völkergruppe der Semiten, richtete sich aber stets nur gegen Juden (zu Semiten gehören u.a. auch Araber und Bevölkerungsteile Nordafrikas). Diese Vagheit zeigt an, dass das hier angefeindete Judentum nicht nur aus gläubigen Juden bestehen musste. Während dem Jüdischen zuvor noch unterstellt wurde, das Christentum beseitigen zu wollen, was durch Konversion und zerstörte Kulturgüter möglich gewesen wäre, wurde mit der Rassenideologie der Vernichtungswille an der Rasse projiziert, der ausschließlich durch Völkermord umzusetzen war. Mit Adorno und Horkheimer: „Im Bild des Juden, das die Völkischen vor der Welt aufrichten, drücken sie ihr eigenes Wesen aus.“[4]Adorno, Horkheimer 1944: Dialektik der Aufklärung, S. 193. siehe erläuternd weiter unten, S. 212f: „Der Antisemitismus beruht auf falscher Projektion. […] Wenn Mimesis sich der Umwelt ähnlich macht, so macht falsche Projektion die Umwelt sich ähnlich. […] Regungen, die vom Subjekt als dessen eigene nicht durchgelassen werden und ihm doch eigen sind, werden dem Objekt zugeschrieben: dem prospektiven Opfer. Dem gewöhnlichen Paranoiker steht dessen Wahl nicht frei, sie gehorcht den Gesetzen seiner Krankheit. Im Faschismus wird dies Verhalten von Politik ergriffen, das Objekt der Krankheit wird realitätsgerecht bestimmt, das Wahnsystem zur vernünftigen Norm in der Welt […].“ Nicht die Angeklagten, sondern die Kläger setzten die den Juden unterstellten Völkermordpläne in die Tat um. Als vorgeschobener Grund musste nicht mehr der Jesusmord, als Verbrechen gegen das „Gute“ schlechthin, angeführt werden, sondern es reichten „natürliche“ Rassenkonflikte. Die Rassenideologie als Rechtfertigung diente damit vor allem dazu, die im mittelalterlichen Antijudaismus begonnene Entmenschlichung der Juden (pseudo)wissenschaftlich zu untermauern und dem Vernichtungswillen gegen alles Jüdische den Status der Normalität zu verleihen.

Der eliminatorische Kulminationspunkt des Antisemitismus im Nationalsozialismus war eine Zäsur für die moderne Vorstellung von Menschlichkeit überhaupt. Im „Westen“ wird entsprechend seit dem Sieg über die Schlächter der bis dahin kursierende explizite Antisemitismus tabuisiert. Die Rassenideologie wurde im selben Zug fundamental diskreditiert und hat deshalb nur noch eine untergeordnete Rolle in modernen Konzepten des Antisemitismus. Er hat sein theologisches ebenso wie sein (pseudo)wissenschaftliches Fundament, so fadenscheinig beide auch immer waren, verloren und flottiert nun freier als je zuvor. Darüber hinaus lässt sich inzwischen antisemitisch nahezu jeder Vorwurf gegen Juden mit einem historischen Vorgänger füttern. Ist man marktliberaler Antisemit, beruft man sich darauf, dass Marx und damit der ganze Marxismus, Kommunismus und Sozialismus jüdisch sei, sowie „die Internationale“ und Gleichmachung überhaupt jüdische Konzepte sein, die direkt aus den Weltherrschaftsplänen der Illuminati hervorgingen. Als antikapitalistischer Antisemit hingegen nennt man mit dem Hinweis auf die jüdische Historie im Bankwesen den kapitalistischen Egoismus und Individualismus jüdisch und spricht von den Rothschilds und George Soros als Fädenzieher der Weltverschwörung. Während der pazifistische Antisemit behauptet, fast alle Kriege der letzten Jahrzehnte im Nahen Osten seien auf Israel zurückzuführen, wirft der kriegsaffine Antisemit den Juden vor, von Natur aus feige und weibisch zu sein. Die Liste ließe sich fortführen.

Die widersprüchlichen Positionen zeigen, dass der Feind, auf den sich alle Antisemiten einigen können, als solcher kaum denkmöglich ist, er kann nicht bestimmt sein. Gleichzeitig ist struktureller Antisemitismus, der sich gegen dieses kaum mehr als jüdisch zu bezeichnende Abstraktum wendet, allein durch die Geschichte spezifischer Judenfeindschaft bestimmbar. Die religiösen Anfeindungen verbannten in ihren Konsequenzen Jüdischgläubige aus angesehenen Berufen und immer wieder aus je neu zu findenden Heimatorten. Sie wurden real zu Steuereintreibern und Bänkern, wurden real zu heimatlosen Vagabunden, wurden real zu geheimen, im Untergrund lebenden Gemeinschaften, die auf verschiedenste Wege des Zusammenhalts angewiesen waren. Wozu sie durch Hass wurden, führte zu immer mehr Hass. Je ausgemalter das Bild der Juden wurde, je mehr Eigenschaften ihnen zugesprochen wurden, desto weniger wichtig war die einzelne Eigenschaft. Jeder konnte und kann sich aussuchen, welche bösen Eigenschaften sein je als jüdisch tituliertes Feindbild hat. Letztlich war die einzige zentrale Gemeinsamkeit aller Zuschreibungen, dass sie je als schlecht befunden wurden. Die unendlich vielen, sich überlappenden Bilder, die Antisemiten vom Juden malten, machten das Hassobjekt ungreifbar – und die Ungreifbarkeit selbst zum gehassten Attribut. Jüdische Personen konnten dadurch immer weniger zu Irritation antisemitischer Überzeugungen führen. Wenn ein Jude nicht böse wirkte, so verbarg er seine Bosheit hinter einer Maske. So genau der Antisemit eine jüdische Person kannte, für so unsichtbar hielt er doch den Juden „hinter“ der Person.

Durch diese Beobachtung ist bereits klar, dass die Juden nicht nur im klassisch rassistischen Sinn als minderwertig betrachtet werden. Nicht, dass diese Dimension ausbliebe – auch gegen Juden wurden Vorwürfe der evolutionären und kulturellen Minderwertigkeit erhoben, sie wurden als ungewaschen, zerlumpt und über die Maßen zeugungsfreudig portraitiert, wie man es fade von sonstigem Rassismus kennt. Doch im Antisemitismus nimmt eine noch zentralere Rolle das Gegenteil dieser Vorwürfe ein: die zivilisatorische und evolutionäre Potenz der Juden wird geradezu übersteigert. Weltverschwörung und systematische Abzocke können nur unter Voraussetzung übermenschlicher Intelligenz, Organisationsfähigkeit und Bildung als Gefahr wahrgenommen werden. Der Vorwurf lautet weniger Minderentwicklung, sondern Dekadenz, fehlgeleitete Überentwicklung, eng verwandt mit dem Pakt mit dem Teufel. Die klassischen Hasskarikaturen sind entsprechend keine Schwärme und Flutwellen, wie beim Hass auf Einwanderer, worin Übermacht aus reiner Gewalt der Quantität suggeriert wird, sondern Juden werden als fette Kapitalistenriesen, Kraken, Echsen gezeigt, als die Schlange, die klüger als die ersten Menschen war, oder gottgleich als Puppenspieler über den Wolken. Es sind ganz überwiegend Bilder von einzelnen, übermächtigen, kaum mehr menschlichen Wesen.

Das Objekt des Antisemitismus ist in seiner Ungreifbarkeit omnipräsent, in seiner List und Organisationsfähigkeit omnipotent, es ist die unsichtbare Hand des strafenden Gottes wie des Marktes und der Planungsbehörde gleichermaßen. Es wird „als das absolut Böse gebrandmarkt“[5]Adorno/Horkheimer 1944: Dialektik der Aufklärung, S. 193.. Dabei geht es beim Antisemitismus tatsächlich um konkretes Übel, das je aktuell erfahren wird. Formal intelligente Menschen wie Heidegger betrachten den Alltag, den rationalisierten, technischen, “kapitalistischen” Alltag und finden darin konkrete Zwänge, tatsächlich stattfindende Ausbeutung, Entfremdung von der Natur etc. Derartige Leiden lassen sich nicht einfach auf irgendjemanden oder irgendetwas übertragen, sondern das dahinterstehende Prinzip will erklärt werden. So etwa lässt es sich im Zweifel als „jüdisches Prinzip“ identifizieren. „Der Antisemit begreift die abstrakte Herrschaft des Kapitals – den polit-ökonomischen „Sachzwang“ – nicht als Produkt gesellschaftlicher Tat, als von den Einzelnen in ihrem Zusammenwirken kontinuierlich produziertes soziales Verhältnis, sondern legt sie sich zwanghaft als vorsätzliches, planvolles Treiben einer geheimen Weltverschwörung zurecht, deren vermeintliche Protagonisten er zum öffentlichen Feind erklärt.“[6]AK Gesellschaftskritik Leipzig: Wegen Eurer Kleinkunst, 15.03.15.

Diese vermeintlichen Protagonisten können nicht als irgendeine beliebige Menschengruppe auftreten. Sie müssen in einer spezifischen Verbindung stehen zu dem, was sich durch die Geschichte des Judenhasses als Feindbild des Antisemitismus entwickelt hat. Mit den bis hierhin aufgezeigten Aspekten des Antisemitismus und deren Genese lässt sich Moishe Postones These stützen, dass die Macht, die den Juden vom Antisemitismus zugeschrieben werden, die vier Charakteristika „Abstraktheit, Unfaßbarkeit, Universalität, Mobilität“[7]Postone 1991: Antisemitismus und Nationalsozialismus, S. 183. hat: Juden wurden aus angesehenen Berufen und öffentlichen Positionen verdrängt, sodass sie sich der Beschäftigung mit dem als abstrakt verschrienen Kapital verschreiben mussten; sie wurden mit allen denkbaren schlechten Eigenschaften belegt, bis sie nur noch unfassbares Konzept, statt konkreter Feind waren; die über Jahrtausende andauernde Diaspora führte wiederum zu Unfassbarkeit und dem Vorwurf universaler Gegenwart; und schließlich zwang ständige Verfolgung und Vertreibung sie zur Mobilität. Doch nicht nur Juden sind mit diesen Charakteristika assoziiert. Postone stellt fest, dass sie auch der von Marx analysierten Wertdimension der Ware zukommen. Wer auch in Zukunft von Antisemiten zum Feind erklärt werden mag, wird aller Voraussicht nach dem Geld nicht fernstehen. Die antisemitischen Tendenzen bei Occupy Wall Street oder Attac zeugen eindrücklich davon.[8]Vgl. Haury 2019: Antisemitismus von Links, S. 51f. Wie ein naiver Antikapitalist daran glauben kann, nur die Manifestation der genuin abstrakten Wertdimension, also das Geld, abschaffen zu müssen, um alles Leiden zu bannen, glaubt der nationalsozialistische Antisemit daran, nur die imaginierte Inkarnation aller leidbringenden Ursachen, also die Juden, abschaffen zu müssen, um denselben Zweck zu erreichen. „[V]on ihrer Ausrottung soll das Glück der Welt abhängen.“ Anders wäre die Priorisierung der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten noch im Angesicht der unmittelbar bevorstehenden Niederlage nicht zu erklären.

Natürlich hat die Niederlage den Vernichtungswillen der Antisemiten nicht bewältigt. Es gibt seither nicht weniger Antisemitismus und als schwachen Trost nur ein besseres Verständnis davon, was Antisemitismus ist. Da sowohl die religiöse als auch die rassische Definition „des Juden“ in Misskredit geraten ist, drängt sich seit 1945 vernehmlicher die Frage auf, wen der Antisemit eigentlich hasst. Es setzte sich die Einsicht durch, dass etwa nach Arendt „[…] gewissermaßen es gar keiner Juden mehr bedurfte, um den Hass auf sie loszulassen […], was den Antisemitismus des zwanzigsten von dem des neunzehnten Jahrhunderts unterscheidet.“[9]Arendt 1986: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 387. Oder mit Sartre: „Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden.“[10]Sartre 1946: Betrachtungen zur Judenfrage. S. 111. Die projektorischen Reflexe des Antisemiten bleiben dieselben, äußern sich nur nicht mehr primär in Bezug auf jüdische Personen. Weiterhin werden die leidbringenden Erscheinungen komplexer gesellschaftlicher Verhältnisse vereinfacht Gruppen oder Personen angelastet, „denen da oben“, einer unbegriffenen Menge an Menschen, die für ein immer wieder formuliertes „sie“ einstehen. Der strukturelle Antisemitismus steht heute als Platzhalter, der konserviert, was jederzeit reaktiviert werden kann, sobald sich eine neue Ideologie etabliert, die wie die Rassenideologie im Nationalsozialismus dieser abstrakten Feindseligkeit konkrete Opfer zuweist.

Wenn wir allerdings eines aus der Geschichte des Antisemitismus gelernt haben, so ist das die Tatsache, dass mit Logik und Theorie dem Antisemitismus nichts entgegenzustellen ist. Der Sieg über Nazideutschland sprach die Sprache der Schlächter, sie kuschen solange sie ihre Wunden noch lecken.[11]Das heißt nicht, dass Gewalt die einzige Sprache ist, die Antisemiten verstehen. Soziale Eingebundenheit, liebende Zuneigung und erfüllende Beschäftigung scheinen mir auch in ihrem Fall zumindest präventiv wirksamer. Antisemitismus heute ist nach wie vor Kind seiner Genese, die konkreten Opfer können immer wieder die Juden sein und die fortdauernden Übergriffe zeugen davon, dass sie nie aus der Schusslinie geraten sind. Und selbstverständlich existieren bereits Theorien, denen zufolge der Nationalsozialismus samt Auschwitz und Holocaust eine jüdische Inszenierung gewesen wäre.[12]Vgl. beliebige Suchmaschinenergebnisse zu den Stichworten „Holocaust“ und „Erfindung“. Wenn ohne Nennung von Juden davon gesprochen wird, dass die „Weltherrschaft bei einer ganz kleinen Gruppe von Oligarchien [liegt], die das Finanzkapital beherrschen, die vernetzt sind“[13]Jean Ziegler auf dem ATTAC-Kongress in Berlin 2001., scheinen diese zwar gemeint, es sind aber auch andere Gruppen international präsenter, mit dem Finanzkapital in Verbindung stehender Menschen nicht ausgeschlossen. „Wer genauer hinschaut wird feststellen, dass die Staatschefs dort [auf dem G20-Gipfel, Anm.] die Interessen des globalisierten Finanzkapitals, die Interessen einer kleinen Gruppe von Oligarchen vertreten.“[14]Jean Ziegler im Interview mit den Aachener Nachrichten 2017. Die Oligarchen sprechen sich also wiederum im Geheimen ab, sie lassen sich nicht direkt identifizieren. Um ihrer und ihrer potentiellen Nachfolger habhaft werden, sind der menschenfeindlichen Fantasie des Antisemiten keine Grenzen gesetzt.

Aktuell ist das Moment der Konkretion suspendiert. Durch freie Wahl des Feindbilds wirkt dieser Zustand katalytisch und macht die antisemitischen Denkweisen zu einem zentralen Element unserer Zeit. Obwohl sich große Teile der Bevölkerung (zumindest des „Westens“) nicht für Antisemiten halten, haben sie doch unter der Hand einen gemeinsamen, unbegriffenen Feind, der sie einem schlechten Sprichwort zufolge einander zu Freunden macht. Antisemitismus ist der ideologische Kitt, der noch die konträrsten gesellschaftlichen Gruppen in einer konkurrenzgesteuerten Welt als Verbündete zusammenhält. Doch der Hass gegen den abstrakten Feind verharrt als der gegen einen undenkbaren Nenner selbst in der Abstraktion, die pervertierte Rückwendung zur Konkretion ist ihm eingeschrieben: das Morden bleibt nicht aus. Wann die kollektiv Hassenden zueinander finden und gegen wen sie sich richten, steht als Katastrophe am Horizont.

Referenzen   [ + ]

1. Vgl. Larsson 1994: Die Macht einer Lüge, S. 20f.
2. Für Näheres dazu vgl. Schäfer 2010: Judenhaß und Judenfurcht.
3. Heil 2003: Matthaeus Priensis, Henry Morgenthau und die jüdische Weltverschwörung, S. 133f.
4. Adorno, Horkheimer 1944: Dialektik der Aufklärung, S. 193. siehe erläuternd weiter unten, S. 212f: „Der Antisemitismus beruht auf falscher Projektion. […] Wenn Mimesis sich der Umwelt ähnlich macht, so macht falsche Projektion die Umwelt sich ähnlich. […] Regungen, die vom Subjekt als dessen eigene nicht durchgelassen werden und ihm doch eigen sind, werden dem Objekt zugeschrieben: dem prospektiven Opfer. Dem gewöhnlichen Paranoiker steht dessen Wahl nicht frei, sie gehorcht den Gesetzen seiner Krankheit. Im Faschismus wird dies Verhalten von Politik ergriffen, das Objekt der Krankheit wird realitätsgerecht bestimmt, das Wahnsystem zur vernünftigen Norm in der Welt […].“
5. Adorno/Horkheimer 1944: Dialektik der Aufklärung, S. 193.
6. AK Gesellschaftskritik Leipzig: Wegen Eurer Kleinkunst, 15.03.15.
7. Postone 1991: Antisemitismus und Nationalsozialismus, S. 183.
8. Vgl. Haury 2019: Antisemitismus von Links, S. 51f.
9. Arendt 1986: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, S. 387.
10. Sartre 1946: Betrachtungen zur Judenfrage. S. 111.
11. Das heißt nicht, dass Gewalt die einzige Sprache ist, die Antisemiten verstehen. Soziale Eingebundenheit, liebende Zuneigung und erfüllende Beschäftigung scheinen mir auch in ihrem Fall zumindest präventiv wirksamer.
12. Vgl. beliebige Suchmaschinenergebnisse zu den Stichworten „Holocaust“ und „Erfindung“.
13. Jean Ziegler auf dem ATTAC-Kongress in Berlin 2001.
14. Jean Ziegler im Interview mit den Aachener Nachrichten 2017.

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