Diskussionsabend “List. Revolte. Subversion.” – Ein Bericht

Montag, 25. November 2019, 20.00 Uhr, Neues Maxim Kino

List. Revolte. Subversion: Die Welt ist Gegenstand konstanten Wandels. Veränderung beschreibt immer Außergewöhnliches, Außeralltägliches. Gleichzeitig wird mir klar, dass Veränderung im Großen und im Kleinen täglich stattfindet, in der Wissenschaft und in der Politik, vielleicht auch schon, wenn wir die Dinge nach einem Vortrag ein bisschen anders betrachten.

Nach einer Begrüßungsrede von Prof. Lydia Haack übernimmt Prof. Dr. Armin Nassehi die Moderation der Diskussionsrunde. Er ist Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Soziologie und Gesellschaftstheorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Mitherausgeber des kürzlich erschienenen Kursbuchs 200 „Revolte 2020“.

Der erste Diskussionsteilnehmer ist Prof. Markus Bader, Berliner Architekt und Professor an der Universität der Künste Berlin. Ihm geht es darum, nicht etwa Bekanntes zu reproduzieren, sondern durch Utopien Kontexte zu schaffen, in denen wir unsere Umwelt und unser Zusammenleben neu erfahren können.

Ebenfalls Anna McCarthy, bildende Künstlerin aus München. Sie hebt die Möglichkeiten der Kunst hervor, humorvoll, satirisch, oder auch unmittelbar Kritik an Politik zu äußern.

Außerdem Frederik Obermaier und Bastian Obermayer. Beide sind Investigativjournalisten bei der Süddeutschen Zeitung. Gemeinsam waren sie an der Veröffentlichung der Panama-Papers sowie den Enthüllungen zurIbiza-Affäre beteiligt. Sie betonen, dass die Aufgabe der Medien keine aktive Meinungsmache sein darf, vielmehr Missstände aufzuspüren und objektiv darüber zu berichten.

Und zuletzt Dr. Jasmin Siri vom Lehrstuhl Soziologie und Gender Studies der LMU München. Sie beschäftigt sich in ihrer Forschung vor allem mit politischer Soziologie und brachte dies immer wieder in die Diskussion mit ein.

Veränderung kann gewollt geschehen oder auch ungewollt. Wie funktionieren unterschiedliche Formen von Veränderung? Welche Argumente finden wir für eine gewollte Veränderung, was geschieht durch machtvollen Druck? Welche Möglichkeiten von Protest stehen zur Verfügung?

Wofür braucht es Revolte?

Architektur, Sprache und auch Politik sind Formen, in denen wir uns bewegen und uns ausdrücken. Ihre Form, ihr Ausdruck ergibt überhaupt erst die Möglichkeit zur Interaktion. Genau wie die Sprache benutzt auch die Architektur ein Vokabular, Ausdrücke, mit denen sie versucht, die Welt zu erfassen und abzubilden. Dieses Vokabular legt dann den äußeren
Rahmen unserer Handlungen fest. Um bei der Architektur zu bleiben: Wir entwerfen Räume auf dem Papier und füllen sie mit den Funktionen, die siespäter einmal beherbergen sollen, etwa das Schlafzimmer, das Esszimmer oder die Küche. Die Räume werden in ihrer Größe und Beschaffenheit für die jeweiligen Bedürfnisse konzipiert und können nach dem Bau nur bedingt umgenutzt werden, ohne daraus Einschränkungen zu erfahren oder weitere bauliche Maßnahmen nach sich zu ziehen. Der Drang nach Veränderungen wächst in demselben Maße wie der Zweifel, dass es so weitergehen sollte wie bisher. Genauso wie in der Architektur oder auch der Sprache finden wir in der Politik oft widerstandsfähige Strukturen vor, die sich nicht so einfach verändern lassen, wie wir uns das manchmal gerne wünschen.

Dennoch unterliegen all diese genannten Bereiche konstantem Wandel. Revolutionen und Proteste wie z.B. in Chile haben einen Umsturz zum Ziel, sie stellen bestehende Strukturen infrage und gehen dagegen vor. Informationen und die Art und Weise, wie über sie berichtet wird, spielen eine große Rolle in der Verbreitung und Rezeption von Protest. Unabhängige Tageszeitungen zum Beispiel können durch ihre Größe und Reichweite Informationen bereitstellen und damit Druck auf Akteure ausüben. Durch Wissen über Umstände können Gesellschaften Fragen formulieren, Etabliertes infrage stellen und gegen Ungerechtigkeiten vorgehen.

Was macht Themen revolutionsfähig?

Veränderung herbeizuführen ist oft wie gegen eine Wand zu rennen. Themen werden dann revolutionsfähig, wenn sie eine Gruppe betreffen, die sich ihrer Lage bewusst wird und dagegen vorgehen möchte. Die Arbeiterbewegung hat Wandel in Gang gesetzt, als sie die Missstände in den Beschäftigungsverhältnissen nicht nur benannt, sondern auch dagegen vorgegangen ist. Der Klimawandel löst weltweite Proteste aus und ist längst in der Politik angekommen. Parteien wie die Grünen, welche dieses Problem schon länger erkannt haben und ebenfalls Veränderungen in der Klimapolitik fordern, sind für die Ideen der Protestbewegungen anschlussfähig und profitieren von einem enormen Wählerzuwachs. Parteien, die dadurch Wähler verlieren, versuchen dem entgegenzuwirken, indem sie ebenfalls eine konsequentere Klimapolitik fordern.

Nicht nur Journalisten, sondern auch Künstler setzen sich mit dem Zeitgeschehen kritisch auseinander. Wo Medien möglichst objektiv berichten, kommt den Künstlern eine Außenseiterrolle zu, die eine emotionale, bewertende Auseinandersetzung mit dem Thema erlaubt. Frederik Obermaier spricht gerade über die ästhetische Wirkung von Protest, als sich ein Mann aus dem Publikum einbringt und es für anmaßend hält, Protest als ästhetisch zu bezeichnen. Dabei ist Ästhetik andieser Stelle nicht unbedingt im Sinne der Schönheit zu verstehen. Bei einem ikonischen Bild, etwa dem „fallenden Soldaten“ von Robert Capa oder einem Portrait von Che Guevara, geht es vielmehr darum, einen Ausdruck, etwas Symbolhaftes zu finden, was stellvertretend für eine ganze Bewegung steht.

Vielleicht sind es gerade solche Gespräche über Revolution und Veränderung, die Revolutionen und Veränderungen lostreten, uns zumindest ins Bewusstsein rufen, dass nichts unveränderbar ist. Oder um es in den Worten von Rosa Luxemburg auszudrücken: „Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“

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