Zwiegespräch

Klage eines Hoffnungslosen:

 

„Hoffnung? Was ist Hoffnung? Wäre doch das Leben, wenn es ihm schon zufällig einfällt, sich eines Tages ungefragt – und mit ihm uns – zu wecken, wenigstens ein auf fairen Grundsätzen beruhendes Spiel unter Gleichen. Vielmehr handelt es sich aber um eine langsam von außen hereinbrechende Katastrophe, die, während sie einer riesigen Flutwelle gleich über alle hinwegrollt, aus wahnwitziger Willkür einige niederreißt und andere verschont. Ein Schauspiel tiefster Tragik: Kein Mensch hat die Gelegenheit gehabt, sich die willkürlich für sein Überleben notwendig gewordenen Eigenschaften anzueignen, er stand zufällig günstig oder eben nicht.

Man schaue sich unter denen um, die es ‚weit gebracht haben‘ in der Welt. Sie haben oft sämtliches Bewusstsein für die Ungerechtigkeit der Welt verloren, sie meinen, durch eigene Leistung ihre Position erreicht zu haben. Und unweigerlich, mit schrecklicher, banaler Logik, wenden sie diese Denkweise auch auf die anderen, die von der Welt Überrollten, an: Die haben es nicht geschafft.

Und so erschreckend sind auch die unausgesprochenen Begründungen, die diese Aussagen stützen: Die anderen haben es nicht geschafft, weil sie die falsche Wahl getroffen haben. Sie hätten sich nicht genug angestrengt. Denn die Welt sei stetig, und liefere damit einen universellen Maßstab, anhand dessen die Menschen zu messen seien.

Aber ist es nicht hoffnungslos? Wie könnte die Welt stetig oder gerecht sein, solange sie willkürlich überrollt und verschont? Kurzlebige Glückssträhnen werden zu Maximen des Handelns erhoben, niemand sieht die Angegriffenen, niemand trauert um die Überrollten.

Wie kannst du davon reden, dass es Hoffnung gibt?”

 

 

Antwort eines Hoffenden:

 

„Deine Worte treffen, man muss ihr Recht und ihre Konsequenzen anerkennen, oder man betrügt sich selbst. Und natürlich ist es möglich, sich von der Welt in Bitterkeit abzuwenden, im Glauben, so ein unabhängiges Dasein zu fristen, mit sich selbst oder allerhöchstens Gleichgesinnten allein, in der Überzeugung, dass es keine Hoffnung mehr gäbe und dass alle diejenigen zu bekehren seien, die noch von der Hoffnung sprechen. Aber wenn man diesen Weg wählt, muss man dann nicht noch weiter gehen als du und nicht einmal mehr auf der Notwendigkeit der eigenen Position bestehen? Wie rechtfertigst du die Ausschließlichkeit, die Auszeichnung vor allen anderen Gedanken, die du den deinen anmaßt?

Wer in den Herzen der Menschen forscht, wird darin auf Bereiche stoßen, die trotz Resignation und Verbitterung und selbst im absoluten Rückzug weiter nach Sinn fragen, die die Idee von Gerechtigkeit nicht aufgeben, nur weil sie in der Welt nicht zu finden ist. Ein weiterer möglicher Weg, der trotz allem Schmerz und allem Hass auf die Welt nie ganz verschüttet ist, ist daher, dieser Idee, so schwach sie auch glimmen mag, zu folgen, sich von der Sehnsucht danach leiten und von einem Anderen in der eigenen Ohnmacht verstehen zu lassen. Bist du noch bereit, dich soweit von deinen eigenen Gedanken zu lösen, dass du dich in die Begegnung mit einem wahren Gegenüber fallen lassen und darin frei werden kannst? Denn dann, in der Begegnung, in der dir Verständnis für Unausdrückbares geschenkt und verschlossene Türen geöffnet werden können, übertrittst du den eingegrenzten Raum deines menschlichen Denkens, in dem allein tatsächlich keine Hoffnung zu finden ist.”

 

 

Kommentare

Einen Kommentar verfassen