(Un)Sicherheit

17 Uhr in einem Bürogebäude, Ende November. Ich habe Feierabend, schalte alle Lichter aus. Schon an der Schwelle des Ausgangs angekommen, irritiert mich ein seltsames Leuchten. Habe ich einen Schalter vergessen? Nein, denn ein Blick nach oben verrät den Ursprung der Lichtquelle: Weiß auf Grell-Grün, ein Strichmännchen in eilender Laufpose symbolisiert die Flucht aus der Gefahrenzone. Der Raum ist jetzt in ein unnatürliches Licht getaucht, ausgehend vom zentral angebrachten Fluchtwegschild über der Tür. Im Frieden des Feierabends werde ich daran erinnert, dass immer an den schlimmsten Fall gedacht ist.

Die Einrichtung und Kennzeichnung von Fluchtwegen wird für zahlreiche Gebäude und Veranstaltungsstätten vorgeschrieben, ist genauestens geregelt. Sogar das Aussehen des auf den Fluchtweg verweisenden Piktogramms unterliegt strengen Vorschriften, die Mindesthöhe für seine Anbringung wird durch eine Formel berechnet, die eine hinreichend große Erkennungsweite garantieren soll. Alle diese sicherheitstheoretischen Überlegungen zielen auf eine möglichst verlässliche und flächendeckende Herstellung von Schutz ab – Schutz vor der noch nicht eingetretenen, aber potenziell jederzeit drohenden Katastrophe.

Im Zuge dieser gewonnen Sicherheit jedoch werden erst die möglichen Gefahren sichtbar, aus denen der Fluchtweg im Bedarfsfall die Richtung weisen soll. Das leuchtende Notausgang-Männchen ruft erst das Bewusstsein für die potenzielle Gefahr hervor. Das Sich-Vergewissern der Sicherheit lässt die Wahrnehmung der Unsicherheit erst gedeihen. Im geschützten Raum selbst manifestieren sich alle Gefahren, die sich beim Betreten des freien, ungeschützten Feldes ergeben könnten. Die Angst vor Unsicherheit resultiert damit in erster Linie nicht aus Unsicherheit , sondern erst durch die Wahrnehmung bestehender Sicherheit. Der Schutzschild weist in die Richtung der abstrakten Gefahr; wir lugen ängstlich hinter unserer Panzerung hervor und blicken ihr direkt ins Gesicht. Der Schild erst gibt unserer Angst Gestalt.

Die konkrete Gefahr wird damit überflüssig, Befürchtungen und Unsicherheiten zu begründen. Der soziale Abstieg muss nicht vor der Tür stehen, um Bedrohung zu sein. Stabiler Wohlstand erleichtert uns, ein Leben nach unseren Vorstellungen zu führen, erarbeitete Anerkennung schützt uns davor, an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu werden. Jedoch enthalten diese augenscheinlich Schutz vermittelnden Strukturen auch ihren Gegenpol und machen diesen dadurch sichtbar. Indem wir unser Leben jede Gefahr ausschließend durchorganisiert und es uns in ihm eingerichtet haben, werden die Unsicherheiten deutlich, die zwar weit weg erscheinen, uns aber umso härter treffen würden. Die verkündete Sicherheit macht abstrakte Ängste greifbar, indem sie die Notwendigkeit derselben konstatiert, die ihr immanente Drohung richtet sich auf das, was durch sie verhindert werden soll. Es ist das Leuchten des Fluchtwegmännchens, das uns nicht schlafen lässt, weil es uns die Gefahr, vor der es uns schützen soll, penetrant vor Augen hält.

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