Töpfermarkt

Ein scheinheiliges Bild

Fürstenfeldbruck ist eine kleine unbedeutende Stadt, irgendwo in Bayern. An einem sommerlichen Samstag blickt die prunkvolle Barockkirche vorwurfsvoll auf den Töpfermarkt zu ihren Füßen. Das schamlose Eindringen des Kapitalismus in die heilige Idylle scheint die Profanierung des Sakralen einmal mehr zu wiederholen. Doch lasset uns beten – und den Widerspruch entfalten.

Der Seite des Profanen wäre zunächst freilich der Töpfermarkt als Warentausch zuzuordnen. Doch die Vermarktung der handwerklichen Waren als „Kunsthandwerk“ verrät deren ökonomische Substanzlosigkeit. Arbeitsteilung und Automatisierung haben diese Produktionsweisen gesamtgesellschaftlich überflüssig werden lassen. Sie sind nicht wettbewerbsfähig, deshalb sollen sie als Kunst(-handwerk) mit Bedeutung aufgeladen werden, Gebrauchsgegenstände mit künstlerischer Zutat. Das profane Objekt wird zum sakralen verklärt: schein-heilig. Der ästhetische Schein ist aber nichts als die handwerkliche Macke der jeweiligen Unikate, die gegen das industrielle Feindbild IKEA positioniert werden. Auch sie sind für den Markt produziert. Gegen Geld getauscht wird die Sehnsucht der entfremdeten Menschen nach dem vor-arbeitsteiligen Stadium als erfüllte Einheit von Produkt und Produzent.

Das Fürstenfelder Kloster wiederum wurde 1803 aufgegeben, nachdem es 1263 Herzog Ludwig II. — der Strenge genannt — als scheinheilige Sühne für die kompromisslose Hinrichtung seiner ersten Frau (vermutete Untreue, oh Schande! Leider nicht wahr.) errichten ließ. Monumentaler Ablasshandel: Ein preisgünstiger Wechsel von Geld auf ewiges Seelenheil. Was dem Kloster also im Töpfermarkt gegenübertritt, ist, als durch das Geld vermittelter Warentausch, seine eigene Geschichte. Zumal die aufwändige Restauration des aufgegebenen, gesamtgesellschaftlich scheinbar überflüssig gewordenen Klosters auf dessen Nutzen als einzigartige Eventlocation zielte.

Wie sich das Kunsthandwerk zum Überleben einen Anstrich von Heiligkeit gibt, ist die Geschichte des Klosters nicht von der profanen Logik des Tauschs zu trennen. Es ist nicht alles Geld, was glänzt – in diesem Falle aber schon. Die Sehnsucht geht hier wie da nach dem güldenen Schein, der aber ist zur Wertsteigerung produziert. Religion und Kunsthandwerk haben nur noch im Geld als universalem Tauschäquivalent ihre Existenzberechtigung. In solcher Scheinheiligkeit hebt sich hier der scheinbare Widerspruch von Profanem und Sakralem auf. Die Ware sei „voller theologischer Mucken“, das bemerkte schon Marx.

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