Schlaf und das Absurde

Schlaf ist ein sinnloses Phänomen. Wir geraten in einen Zustand absoluter Wehrlosigkeit und Untätigkeit, völliger Bewusstlosigkeit, erlebt als Schnitt im Erlebnisstrom; als kontrollierte Ohnmacht, phasenweise kombiniert mit Halluzinationen und Muskelparalyse. Im Ganzen betrachtet handelt sich dabei um eine merkwürdige und absurde Angelegenheit.

Es ist unbekannt, warum wir schlafen müssen – zumindest nach dem aktuellen empirischen Forschungsstand. Die beste Erklärung scheint zu sein, dass wir schlafen müssen, weil wir müde werden. Was auch so viel besagt wie: Wir müssen schlafen, weil wir schlafen müssen.

 

Absichtlich ausgelöster Schlafentzug ist dabei eine Form der Destruktion die aber gleichzeitig – wie auch andere solche Formen, etwa Alkoholkonsum – Momente des Rausches, der Ekstase aufnimmt. Das ‚Durchmachen‘, wenn die Party nicht enden darf, das notgedrungenen Schreiben in der Nacht vor Abgabetermin oder der nächtlichen Autobahnfahrt auf leeren Straßen hängen alle Züge einer Sehnsucht nach dem befreienden Exzessiven an. So gefesselt, dass man nicht mehr davon lassen kann; so begeistert, dass man an die Grenzen des Physischen stoßen möchte: Kein Schlaf, die brennenden Augen, die man nicht schließen kann.

 

Formen der Schlafstörung zeichnen sich durch unvorhersehbares Erwachen, unrhythmische Schlafphasen und einem Grundgefühl der Müdigkeit aus. Diese Müdigkeit ist der eigentliche Grund des Schlafes; wird sie aber zur Dauerbegleiterin, stellt sie die ganze Absurdität dieses Verhältnisses dar. Man erwacht genauso grundlos wie man wieder einschläft und beide Zustände sind zueinander gleichgültig. Im Normalfall soll der Schlaf dem Wachzustand dienen. Aber die umgekehrte Betrachtungsweise funktioniert ebenso: Wir sind wach, um uns einen besseren Schlaf zu bereiten – und es gilt nicht die wache Aktivität zu erhöhen, sondern bessere Formen der Untätigkeit, des Schlafes zu erproben. So ist der Zweck jeder Tätigkeit, die Aufhebung ihres Antriebs, die Erschöpfung, die in einem unbewegten Zustand Ruhe finden darf.

Aber auch diese Betrachtung wird der Absurdität des nebeneinander von Schlafen und Wachen nicht gerecht. Das Bewusstsein im Zustand der Müdigkeit, die einen doch nicht schlafen lässt, sieht die Gleichgültigkeit dieser beiden Momente nebeneinander, ihre Nutzlosigkeit und ihren Zweck gegeneinander. Der Absurdität des Schlafes gerecht zu werden bedeutet, ihn nicht als Zweck gegen sich selbst oder als bloßes Mittel für das Wachen zu betrachten. Sondern ihm einen Sinn zu geben abseits von Funktionen und Zwecken. Es gilt dann diese Bedeutung und auch ihn selbst sich nicht entziehen zu lassen.

 

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