Notizen zu einer Phänomenologie des Autos

Hypothese: Das Auto als Allegorie (gewisser) spätkapitalistischer Produktionsverhältnisse.

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Sogar der Fordismus als Produktionsparadigma trägt den Namen des Ford Model T. Die Massenherstellung aber bedeutet gleichzeitig dem Auto: nur Gebrauchsgegenstand. Mit dem Ende des Fordismus in westlichen Industrienationen korrespondiert ein Wandel der Ideologie des Autos. Das Versprechen auf Privatbesitz wurde eingelöst. Das Besondere ist ubiquitär, zum Allgemeinen geworden. Der Gebrauchsgegenstand wird zum sakralen, um das zu kaschieren.

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Individuelle Freiheit ist der Mythos, der in den USA einst vom Wilden Westen in das Auto verlagert wurde. Das ist aber eine Freiheit allein in Raum und Zeit, transzendentale Apriori der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse: Freiheit von Kapitals Gnaden als Weg zur Arbeit und in die verschriebene Regenerationszeit.

Dennoch: Im Roadmovie scheint eine andere Möglichkeit auf. Fear and Loathing in Las Vegas, Easy Rider, etc. Die deutsche Ideologie hat das niemals gekannt.

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In den Städten, in denen sich schon niemand mehr Wohnraum leisten kann, bleibt das Auto der einzige Raum, den das städtische Subjekt noch sein Eigentum nennen darf. Entsprechend ist das ein Raum sanktionierter Gewalt. Den Kleinstadtpanzern steht förmlich auf den Kühlergrill geschrieben: „Du Ungeziefer. Aus dem Weg, oder du wirst zerquetscht.“

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Die technischen Möglichkeiten gehen dahin, das Auto überflüssig zu machen. Stattdessen wird mit Hochdruck daran gearbeitet, es fit für die Zukunft zu machen. (Tesla, Uber). Auch #Vanlife als zugespitzter Ausdruck der Ideologie digitaler Obdachloser referiert auf das Auto als essentiellen Bestandteil des guten Lebens. Mit beträchtlichem Aufwand sperrt sich das Kapital gegen die rationale Kollektivierung des Verkehrs.

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Zu opponieren wäre der regressiven Betonung des Rechts auf Auto – aber ebenso der vorauseilenden Elendsbestätigung, aus ökonomischen wie ökologischen Gründen könne sich das sowieso niemand mehr leisten.

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Die Randale in Hamburg haben diese Selbstverständlichkeiten, das faule Unwesen ein Stück weit aufgedeckt. Wenn es um brennende Autos geht, ist der Schaum vorm Mund der bürgerlichen Medien die Wut des Kleinbürgers, dem seine Nichtigkeit daran aufgeht, dass das zum Symbol seines Werts gebrandmarkte Auto in Flammen steht.

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