Im Geiste der Maschine

„A processor is not a trusted black box for running code“(Christopher Domas)

 

„[E]s zeigt sich, daß
mit dem Fortschritt der Popularität der technischen Wissenschaften
nach und nach alle im Dienste der Technik stehenden Naturkräfte zur
Erklärung der Funktionen des Apparates herangezogen werden, daß
aber alle menschlichen Erfindungen nicht ausreichen, um die merk-
würdigen Leistungen dieser Maschine, von der sich die Kranken verfolgt
fühlen, zu erklären.“ (Viktor Tausk)

 

Die individuelle Erfahrung des Technologischen wird vertrauter; der Prozess hinter der Erscheinung enigmatisch, stetig schneller, streng exponentiell steigend nach dem Mooreschen Gesetz. Die Oberflächengeschwindigkeiten des erfahrbaren Außen hingegen – der Screen, Touchpad, Mikro und Tastatur -, bilden eine scheinbar bruchlose Fläche, die keinen Halt bereitstellt und suggestiv einen Sog entwickelt, der nicht abreißen will. Ohne Unbehagen gleitet man über sie hinweg; alles schmiegt sich organisch aneinander, eine fühlbare Verbindung zwischen Oberflächen entsteht, bildet Netze aus, die von den vertrauten sozialen Feldern bis in die algorithmisch organisierten Datenströme reichen.

Die Fläche wird rissig, wenn man sich an sie klammern, wenn man sie begreifen, ihre Glätte aufrauen will. Die Nachrichten über diesen und jenen Einfluss des Digitalen überreizen, ängstigen in einer Frequenz, die die Einsicht wieder zur Gleichgültigkeit herabsinken lässt. Doch an dieser gilt es festzuhalten, um ihre Aufhebung zu erreichen.

Die Fläche reißt also ein. Die schwarzen Screens leuchten auf, die Tastatur – von unten beleuchtet – verlangt den zu schreibenden Text, das Smartphone vibriert wie die Flügel des Insekts, die Signale binden sich an die Wahrnehmung: Ein roter nummerierter Punkt, die Nachricht verlangt ihre Anerkennung nicht ihrem Inhalt, sondern der bloßen Form nach.

So verlangt diese Betrachtung ein grundsätzliches Unbehagen gegenüber dem Technologischen.
Die real-existierende Technologie präsentiert sich so als inhuman, entfremdend, entzogen, unadressierbar. Sie gleicht in dieser Auffassung dem kosmologischen Horror lovecraftscher Monstrosität, der nicht kategorisierbar uns mit unserer Marginalität und Machtlosigkeit konfrontiert angesichts der freigesetzten Kräfte des – hier – technisch Möglichen. Der künstliche Mythos einer anderen Welt bildet eine Projektionsmöglichkeit der Ängste vor dem Technischen als autonom agierendes Etwas, das zugleich als technisch-rationale kontrollierende Einheit und organisch-chaotisch unkontrollierbare Vielfältigkeit Darstellung findet. Als „Lord of All Things, encircled by his flopping horde of mindless and amorphous dancers“ und „Ultimate Chaos, at whose center sprawls the blind idiot god“ (The Haunter of the Dark).

In Lovecrafts Erzählungen transformiert die frei gelegte Erfahrung dieses kosmologischen Horrors das Bewusstsein der Protagonisten in den Zustand des Wahnsinns. Strukturell ähnlich ist die überfordernde Erfahrung des Technischen – aber mit der Konsequenz einer Transformation unseres Verhältnisses zu ihr. Keine Regression in den phantasmatischen Abgrund von bloß grenzüberschreitendem Wahnsinn, sondern ein Zurückfinden zu den Kategorien, die es in dem Prozess verlor, suchte und nun verändert vorfindet. Das Unbehagen gegenüber dem Technologischen ist als Konfrontation mit den eigenen Fähigkeiten wiedererkannt worden. Statt dem vollkommenen Aufgehen in den Strukturen, statt der ständigen Verknüpfung, wird eine neue Aneignung des Technischen gefordert: in der wir das, was wir in diesem sind, wieder in den Bereich des uns denkbaren hineinholen. Ausgeprägt als Zentrum des Irrationalen, das selbst aus einem Prozess des Rationalen – nämlich der Implementierung und Weiterentwicklung von Technologie durch Wissenschaft und Forschung – hervorgegangen zu sein scheint, muss diese Erscheinungsweise erneut begriffen und die (Wieder-)Aneignung vorgenommen werden.

Kommentare

Einen Kommentar verfassen