Filterbubble

Die Filterbubble. Ein beliebtes Stichwort. Gemeint ist die individuell, auf jede online-Nutzerin abgestimmte Werbung und Information innerhalb eines Web-Services. Die Blase entsteht durch algorithmische Datenverarbeitung, die zum Ziel die vollständige Personalisierung hat. Jede Person soll letztlich in ihrem eigenen, privaten Netz unterwegs sein. Schon jetzt kann es passieren, dass dieselbe Google-Suchanfrage für zwei verschiedene Personen unterschiedliche Ergebnisse zeigt; je nach politischer Einstellung und Konsumverhalten. Jede Person bekommt ihre individuelle Weltsicht repliziert.

 

Nach Eli Pariser weist die Filter-Bubble drei Merkmale auf: wir sind in ihr allein, sie ist für uns unsichtbar und wir entscheiden uns nicht für sie. Diese auf dem Bildschirm präsentierte Welt wird mehr und mehr zu unserem Spiegelbild, rückt unbemerkt immer näher an uns heran. Wir stören uns hier nicht an unserer eigenen leeren Subjektivität, weil wir vermeinen, ein Außen zu betrachten. Wir sehen den Spiegel nicht, der uns reflektiert. Und er wirft unsere Reflexion in alle Blickrichtungen zurück.

 

Die ganze Welt richtet sich nach uns. Der Algorithmus als Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung. Das ist die realtechnologisch vollzogene kopernikanische Wende weg von den Dingen-an-sich hin zu der transzendentalen Konstitution von Erscheinung überhaupt. Was nun das kritische Projekt anbelangt, welches in seiner medientheoretischen Ausprägung die Filter-Bubble als epistemologische Krise diffamiert, so ist es in seiner Weise in der nostalgischen Idee einer ‚authentischen‘, ‚wahren‘ Erfahrung befangen. Die Leere des sich selbst wechselseitig-reflektierenden Spiegelbildes entsteht ja erst im Schein, hier doch noch mehr zu betrachten als die eigene Subjektivität.

In der tatsächlichen Anerkennung des Scheins jedoch kann die Blase vielleicht noch mehr werden als ein erkenntnistheoretisches Problem: ein Werkzeug, dessen Umgang wir erst noch lernen müssen, dessen Möglichkeiten wir noch gar nicht kennen. Erst in ihrer Beschränkung und der nachfolgenden Überschreitung derselben können wir vielleicht eine Erfahrung machen, die wir ohne jenen technologisch-algorithmischen Apparat niemals hätten erzeugen können. Die Blase, die für uns geschaffen, wird von uns geschaffen.

 

Doch dieser Schaffensprozess läuft nicht vollständig transparent ab. Wir liefern unsere Daten ab, aber was der Algorithmus damit macht, ist uns unbekannt. Die Entfremdung der Erfahrungsproduktion, die sich in diesem Fall auf die Aufbereitung von Information und Herstellung von Meinung richtet, geschieht durch eine Unkenntnis dieser im Hintergrund stehenden Prozesse. Um dem entgegen zu wirken, muss erstens mehr Wissen über die Funktionsweise der jeweiligen Algorithmen erlangt und zweitens die Möglichkeit, die die Filter-Bubble bieten, aktiv manipuliert und ausgenutzt werden. Nur ein solches aktives Mitgestalten, kann die technologische Transformation der personalisierten Erfahrungswelt zu einer Überschreitung des eigenen Horizonts werden lassen.

Kommentare

Sal

Eine kleine Ergänzung zum Thema Bubble als online Phänomen.

Es gibt genug Studien, die belegen, dass einerseits unser soziales Umfeld auch unsere Einstellungen prägt. Andererseits neigen wir dazu, uns mit Personen zu umgeben, die ähnliche Einstellungen wie wir haben – oder wenigstens die Schwerpunkte in der Diskussion auf ähnliche Felder zu konzentrieren.

Dazu kommen die Effekte, dass wir eher Beiträge lesen und glauben, die uns bestätigen. Entgegengesetzten Beiträgen schenken wir weniger Vertrauen und prägen sie uns auch weniger ein. Seit es Zeitungen (Radio, TV, usw.) gibt, gibt es außerdem Redakteure, die als Gatekeeper darüber entscheiden, was es überhaupt über das Medium verbreitet wird. Auch hier gibt es darüberhinaus, dass bestimmte Medien nicht umsonst als eher links/konservativ/wirtschaftsfreundlich usw. gelten und wir eher jene Medien nutzen, die uns nahestehen.

Das sind alles Faktoren, die bereits vor dem Internet eine Bubble erzeugt haben.

In diesem Sinne ist das Internet sogar eine Verbesserung: Das Thema ist präsent, wird ständig geteilt und es gibt zahlreiche Tools, die der Filterbubble wenigstens online entgegenwirken (sollen) (z.B. Startpage als anonyme Suchmaschine, Nuzzle als Newslettertool mit verschedenen Quellen (wobei damit mittlerweile nicht mehr geworben wird, u.a.).

Im Grunde ist der Gestaltungsspielraum sehr gering. Die Vorgänge geschehen unbewusst, selbst wenn wir uns dem grundsätzlichen Problem bewusst sind. Ein wirklich nachhaltiger Weg aus der Bubble besteht nicht nur darin, neue Quellen zu suchen, sondern diese auch ernst zu nehmen. Allerdings ist auch hier problematisch, dass wir in der Regel einem „Abwehrreflex“ unterliegen, wenn sie etwas darstellen, dass uns nicht gefällt. Hier wäre es in meinen Augen notwendig, das „Zuhören“ (auch im übertragenen Sinne beim Zeitungslesen usw.) zu lernen und im richtigen Moment den Impuls einer Gegenargumentation zu unterdrücken und uns auf die Erklärungen und zugrundeliegenden Theorien einzulassen – ggf. sie zu überschlafen – ehe wir über die Gegenargumente nachdenken.

Das sind in meinen Augen alles hohe Hürden, die einer echten „Mitgestaltung“/“Manipulation“ und dem Ausweg aus der Bubble im Weg stehen. Das Wissen über Algorithmen (und anderen Faktoren) allein wird auf jeden Fall nicht ausreichen. (Wie gesagt, das ist nur eine Ergänzung und keine Gegenrede.)

Beste Grüße
Sal

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