Ende eines Sommers

Wie alle Jahre geht die Sonne, kommt die Nacht – die feste, unzweideutige Abwesenheit von Tageslicht. Das Fließen der leichteren Tage hat ein Ende, die luftige Leichtmut weicht aus der Seele. Überhaupt weicht vieles. Heitere, emsige Töne, das aus tiefster Seele seufzende Anfahren von Straßenbahnen beispielsweise; Töne, die wir früher überhörten, weil sie kleine Nebenklänge in einem bauschigen, fröhlich gelb-orangen Kokon voller Lebendigkeit waren, gehen mit einem dumpfen Schlag. Dabei nehmen wir den Schlag nicht in dem Moment wahr, da er stattfindet. Er ist so dunkel, dass uns erst mehrere Momente später beschleicht: Er muss stattgefunden haben. Töne gehen, und statt ihrer klingenden Helligeit kommen bloße Geräusche. Sie kommen in grauem Mantel, wir sind geneigt, sie zu übersehen, weil sie nichts mehr sind als das ehemalige Hintergrundrauschen der Töne, das wir früher so selbstverständlich ausgeblendet haben. In dem Beispiel der Straßenbahnen weicht das von Tiefe und Bedeutung angefüllte Seufzen, und an seiner Stelle kommt das ärgerlich-überflüssige Knarren von nichts als Wägen, die aneinanderhängen.

Der dumpfe Schlag, der in der Zwischenzeit irgendwann passiert sein muss, hat unserer freigeistigen blauen Sommerwelt zweierlei genommen. Er hat ihr, einerseits, die Haltung genommen, sie ihr schlicht herausgezogen wie einen Nagel aus der Wand, seither hängt sie schief und droht, schon aufgrund des kleinsten Wirbels ihres eigenen, leichten Sommerwindes jederzeit herunterzufallen. Er macht uns fürchten um diese Welt, die plötzlich sehr zerbrechlich scheint, nachdem sie uns zuvor hell und fest gewesen war. Andererseits nahm er auch ihre Unschuld und Daseinsberechtigung. Durch ihn, diesen dumpfen Schlag, der gewesen ist, ohne dass wir es merkten, hat sich unsere Sicht ver- oder entschleiert: die Sommerwelt hat ihr hellblaues Lächeln verloren. Was uns auf einmal anfällt, ist keine schreiende Verzweiflung mehr, wie sie auch der Sommer kannte, kein glasklares Erwachen oder heilsames Aufschrecken, nein, es ist ein stumpfer Zweifel an der Sommerwelt, ein lähmendes Erkalten unserer Seele.

Keine bedrohlich anschwellende dunkle Gewitterwolke, nur eine dichte, undurchdringliche weiße Nebelwand schiebt sich vor das Gesicht; keine sich im nächsten Moment zu entladen drohende, zunehmende Spannung, sondern eine Ödheit, die uns umschlingt und uns die Sicht zu nehmen droht: trüb, dicht, endlos…

Mit dem Sommer geht die Kraft, die wir einst hatten und die wir bräuchten, um der Winternacht zu entkommen. Hier liegt der kritische Punkt im unaufhaltsamen Wechsel der Zeiten: der Moment, in dem das Kräftegleichgewicht kippt – in dem der Sommer in den Winter übergeht, chaotische Stumpfheit die wilde Klarheit der Sommerzeit ablöst. Wir treten in die nicht zu vermeidende Phase ein, in der unsere innere Welt dem sich wandelnden Außen nicht mehr standhalten kann. Wenn das Außen zu sehr drückt, dann kollabiert der innere Mensch, oder auch: Wenn die äußere Luft zu dünn wird, dann wird er auseinandergerissen. Solange das Innere noch über genügend sommerliche Kraft, über Erinnerungen, gespeicherte Wärme, Klänge und Farben verfügt, können Zug- und Druckwellen von außen abgefangen werden. Wird das Innen aber mit der Zeit zu schwach, ist der kritische Punkt rasch und irreversibel erreicht. Und wieder einmal beginnt die Talfahrt, ein Sommer, der endet.

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