Das Mahnwesen

5. Oktober 2017: Zwei Frauen brechen ein Schweigegelübde, das sie nie geleistet haben – Jodi Cantor und Megan Twohey beschuldigen Harvey Weinstein in der New York Times des sexuellen Missbrauchs. Über Jahre hinweg und in zahllosen Fällen. Ein Stein kommt ins Rollen: Aus dem Skandal des Produzenten wird bald ein Skandal der Welt der Reichen und Schönen.

In einer Gesellschaft, die ihre vollkommensten Repräsentanten am reichsten belohnt, regt sich zögerliche Nervosität. Schon der geringste Riss in der Fassade legt offen, dass die Treue der Gewinner zum System niemals auf Gegenseitigkeit beruhte. Das Spiel bleibt seinen Regeln nicht verbunden. Das stille Gewohnheitsrecht des Stärkeren wird nun öffentlich zu dem erklärt, was es schon immer gewesen ist – Unrecht. Die Schuld der großen Sieger könnte schließlich das Spiel verdächtig machen.

Die Antwort des Systems fällt maximal konsequent aus: Die Gesellschaft köpft ihre Könige im Namen des guten Gewissens. Doch die Schuld endet mit dem Schritt aus dem Scheinwerferlicht. Wer den größeren Namen trägt, taugt für das größere Opfer – rettende Bauernopfer einer Welt, die Angst vor dem eigenen Schatten hat. Die Idee gesellschaftlicher Gleichheit ist an ihren Nutzen gebunden: Besteht kein Bedarf nach der Illusion des Tellerwäschers, selbst zum Filmproduzenten werden zu können, erklärt sie diesen kurzfristig zum unvergleichlich Anderen. Großzügig gewährt man den Tätern den Anschein von Individualität, um das Allgemeine zu bewahren: Die Struktur, die die Tat ermöglicht, bleibt – dank ihrer Täter, nur für sie nicht. Beruhigt versinkt die Gesellschaft wieder in ihren Schlaf der Gerechten.

 

15. Oktober 2017: Über tausend Frauen drängen darauf, sich Gehör zu verschaffen. #Metoo wird zum Resonanzraum für einen Chor, der binnen 48 Stunden eine halbe Million Mal nach dem Warum fragt. Unbekannte Opfer wie Täter geben der Debatte eine neue Qualität: Der Vorwurf selbst wird allgemein, er trifft und betrifft nun das Allgemeine.

Doch nur die Täter adelt, was man den Klagenden versagt: Individualität. Die Gesellschaft gestattet sie scheinbar willkürlich und tatsächlich opportun. Die Frau bleibt hingegen reines Gattungswesen – jede Einzelne lediglich Exemplar ihrer Art. Die Einstimmigkeit der Opfer wird hier zur Schwäche. Erst durch Einstimmigkeit lassen sich tausend Stimmen zu einer Einzigen bündeln. Zu hören ist nur noch die mahnende Frau, das Mahnwesen. Die Anzahl der das Kollektiv bevölkernden Frauen mag beliebig wachsen, doch sie wächst nur als Zahl. Das Wesen bleibt einzeln und in der Minderheit – die Gattung im Singular adressierbar. So fällt auch der Vorwurf wieder auf die Ebene des Speziellen zurück. Einem einzelnen klagenden Wesen wird auch eine einzelne Antwort gerecht – und der Kopf eines Königs ist Antwort genug. Der systematische Vorwurf verhallt. Das Allgemeine bleibt unberührt. Und die Gesellschaft lächelt müde.

 

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