Witzexistentialismus

Gehen ein Pessimist, ein Optimist und ein Realist durch einen Tunnel. Der Pessimist sieht nur die Schwärze, die alles umgibt. Der Optimist sieht aber darüberhinaus noch ein schwaches Licht am Ende des Tunnels. Der Realist sieht ganz nüchtern sowohl die Helligkeit als auch die Dunkelheit. Und der Zugführer sieht drei Idioten, die auf den Gleisen laufen.

Nimmt man einen Witz zu ernst, dann versteht man ihn nicht mehr – oder man versteht noch mehr: Es folgt also eine Analyse, die eine vollständige Sezierung des Witzkörpers vornimmt und den toten Überrest als strukturierte Theorietrophäe humorlos neu präpariert.

Der Witz zeichnet folgendes Szenario: Auf der einen Seite die Haltungen der Situation gegenüber; einer Situation, die aber nicht voll erfasst werden kann. Keine der drei Figuren versteht tatsächlich, in welcher Lage sie sich gerade befindet. Auf der anderen Seite findet sich das für den Witz typische Umschlagen der Gesamtsituation in der Pointe: Die metaphorische Dunkelheit, das allegorische Licht erhalten den konkreten Charakter eines Zugtunnels, Scheinwerfern, Schotter und Schienen in einer Momentaufnahme. Die pessimistische, optimistische und realistische Haltung sowie der flapsige Gedanke des Lokführers beschreiben den Augenblick vor dem – unvermeidlichen – Zusammenstoß.

Ein Witz funktioniert klassischerweise nach einem dreiteiligen Schema: Eine Situation wird etabliert, weitergeführt und zuletzt gebrochen. Der Witz setzt hier an wie eine Metapher: Die drei Personen stehen für die theoretischen Konzepte Pessimismus, Optimismus und Realismus. Die beschriebene Situation soll nach der so geweckten Erwartungshaltung nicht wörtlich genommen werden, sondern vielmehr eine abstrakte Aussage über diese drei Denkhaltungen illustrieren. Der Bruch löst diese Erwartung nicht ein, sondern schlägt um in das Gegenteil: Alles ist wörtlich zu nehmen; da laufen wirklich drei Typen auf den Gleisen! Sofort erscheint die ganze Situation absurd.

Auf diese Absurdität der Gedanken spielt der Witz an. Er zeichnet damit in gewisser Weise das generelle Limit eines Denkens ein. Keine der Haltungen erfasst diese Grenze ganz. Erst im Moment des Umschlags kontrastiert sich der (Irr-)Glaube, im Denken alles begreifen zu können, mit dem, was unabhängig davon und in vollkommener Indifferenz ihm gegenüber auftritt. Optimismus und Pessimismus eignen sich jeweils in ihrer positiven und negativen Wertung diese indifferente Welt im Guten wie im Schlechten an. Aber in der Pointe des Witzes offenbart sich eben noch eine weitere Realität: Die Welt-ohne-uns. Sie ist weder vertraut noch antagonistisch; selbst der Ausdruck „Indifferenz“ ist zu anthropomorph. Wir erkennen diese Realität nicht durch die Augen des Lokführers, wie wir die anderen Denkhaltungen durch die auf den Gleisen wandernden Theoretikern kennengelernt haben. Es ist vielmehr das plötzliche Umschlagen von Kontemplation zur absurden und lebensbedrohenden Situation, in dem die ganze Kontingenz und Arbitrarität des Denkens aufleuchtet. Kein Gedanke kann die Situation ganz erfassen, geschweige denn verhindern. Konstituiert sich der Witz aus dem Umschlag von Metapher zu Wörtlichkeit, so kann man ihn nun in dieser theoretischen Präparation wiederum als Metapher aufbereiten: Jedes Denken mit dem Anspruch, den „Sinn“ zu erfassen, macht sich lächerlich im Angesicht der drohenden Pointe einer Welt-ohne-uns.

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