Verlust

Anonymes Handy-Bestarren, um nicht angeschaut, angelächelt, angesprochen zu werden. Jeglichem Blickkontakt wird gekonnt aus dem Weg gegangen. Das Fragen nach dem Weg wird obsolet. Die Bequemlichkeit durch die Nutzung der spiegelnden Touchscreens verhindert das Zusammentreffen verschiedener Persönlichkeiten.

In Zeiten der mobilen allwissenden Informationsquellen verlernt man offen zu sprechen. Mit der ewigen Gefahr, jemand könne den sofortigen Gegenbeweis liefern, vermeidet man jegliche Bloßstellung durch einfaches Schweigen. Durch den äußeren Zwang, nur Fakten äußern zu dürfen, wird einem regelrecht ausgetrieben, nicht fundiertes Wissen über die Lippen zu bringen und Gedanken direkt auszusprechen. Gespräche, die sich aus unvollständig bedachten Äußerungen entwickeln könnten, werden so schon im Keim erstickt.

Nicht nur die Kommunikation zwischen Bekannten wird durch die mobilen Geräte verhindert, sondern ebenso die Möglichkeit neue Kontakte zu knüpfen: Liebe auf den ersten Blick wird durch Vergnügen durch den richtigen Swipe ersetzt. Sich zu überwinden, sich Mut zu machen, eine fremde Person auf offener Straße anzusprechen, wird durch einfach zugängliche Mittel überflüssig.
So kann es kommen, dass ein Kontaktsuchender als aufdringlich oder sogar sonderbar wahrgenommen wird. Er hinterlässt einen negativen ersten Eindruck, vielleicht gar nicht zu Recht.

Dieses engstirnige Denken und eingeengte Wahrnehmungsvermögen führen dadurch zu einer immer isolierteren Lebensweise, in der fast nur Bekanntes und wenig Neues eine Daseinsberechtigung hat, es sei denn Neuheiten wurden in der Online-Welt schon vorgelebt. Man beginnt Kreise zu ziehen. Kreise um dieselben Themen, um dieselben Menschen. Und selbst innerhalb dieser Kreise bedient man sich lieber einer Tastatur, als sich wirklich Angesicht zu Angesicht auszutauschen.
Doch findet ein Großteil der Kommunikation nicht über die Worte selbst statt. Fehlschlagendem Informationsaustausch wird der Weg geebnet, indem man auf Mimik, Gestik und die Stimme verzichtet.

In Zeiten der mobilen allwissenden Informationsquellen gewinnt man vermeintliche Freiheit – verliert jedoch das Vertrauen in sich selbst, in seine Mitmenschen, in seine Umwelt. Man verlernt offen zu kommunizieren. Doch wirklich offen zu sein ermöglicht es, die eigenen Gedanken in ihrer pursten Form auszudrücken, und eröffnet dem Gegenüber einen unverfälschten Blick darauf. Impulsive Behauptungen können zum Überdenken, Umdenken, Weiterdenken anregen. Aus dem selbst auferlegten Grundsatz, Dinge lieber für sich selbst zu behalten, folgt der Verlust von neuer Inspiration und Ideen und damit das Hinterfragen, was uns als Kind noch so gut gelang.