Landschaftsskizzen

Ich erhebe keinerlei Anspruch auf Originalität der im Folgenden ausgedrückten Gedanken. Außerdem erhebe ich keinerlei Anspruch darauf, besonders argumentativ und schlüssig für diese eingetreten zu sein. Im Vorwort zu „Philosophische Untersuchungen“ schrieb Ludwig Wittgenstein: „Die philosophischen Bemerkungen dieses Buches sind gleichsam eine Menge von Landschaftsskizzen, die auf diesen langen und verwickelten Fahrten entstanden sind.“ Auch die folgenden Gedanken möchte ich als solche Landschaftsskizzen eines großen Gedankenkomplexes verstehen. Zu diesen Landschaftsskizzen habe ich mich bewusst und eigenständig entschlossen. Darauf wiederum erhebe ich vollsten Anspruch. 

Skizze Nr. 1: Unser Bewusstsein ist eine sich selbst zeichnende und zugleich selbst betrachtende Skizze der Wirklichkeit. Unser Bewusstsein ist das, was dabei herauskommt, wenn die Strukturen der Wirklichkeit so komplex miteinander interagieren, dass das, was sie hervorbringen, sich auf sich selbst beziehen und weiterhin rückverfolgen kann, wie es beschaffen ist. Unser Bewusstsein lässt sich nicht einmal rein theoretisch von der Wirklichkeit wegdenken.

Nehmen wir einmal an, jemand versucht sich vorzustellen wie es ist, tot zu sein. Wenn tot zu sein heißt, kein Bewusstsein mehr zu haben, erklärt das sehr gut, warum ihm das nicht gänzlich gelingt. Wenn er es probiert, kann er alles, was ihm als gegeben erscheint wegdenken. Seine Ansichten zu alltäglichen Themen, gewisse Charakterzüge an sich und alle Begriffe, die er tagtäglich verwendet. Bevor er jedoch das komplette gedankliche NICHTS erreicht hat, stößt er an eine Grenze. Irgendetwas bleibt übrig. Das ist sein Bewusstsein. Dies zu untersuchen bedeutet, sich mit allem auseinanderzusetzen, was wirklich ist. Es bedeutet gleichsam, alles hinter sich zu lassen, was ihm sicher erscheint und es bedeutet, sich komplett wegzudenken, bis er nicht mehr weiterkommt, bis er direkt vor Augen hat, was wirklich ist. Ein solches Unterfangen erfordert Mut!  

Skizze Nr. 2: Wir sind kein Produkt – oder gar Endprodukt – der Wirklichkeit. Wir SIND wirklich.

Das ist das erste, was er erkennt, wenn er etwas Mut zu seinem Bewusstsein aufgebracht hat. Eine anfangs vielleicht noch beängstigende Einsicht, weil sie ihm zu groß und ihre Konsequenzen viel zu schwer erscheinen. Aber sobald er ihr mutig gegenübertritt, belohnt sie ihn mit viel Selbstbestätigung. Nur mit dieser kann er sämtliche Konsequenzen bewältigen, die eine solche Erkenntnis bedingungslos von ihm einfordert. 

Skizze Nr. 3: Was ist der Unterschied zwischen etwas Wahrem und etwas Bewusstem? Das Wahre bedarf des Bewussten nicht, das Bewusste nicht des Wahren. Was ist der Unterschied zwischen einer unbewussten Wahrheit und einer bewussten Falschheit? Das eine beschreibt die Wirklichkeit treffend, ohne sie zu erkennen, das andere erkennt die Wirklichkeit, ohne sie treffend zu beschreiben.

Wenn er nun erkennen und verstehen will, womit er sich auseinandersetzt, sobald er sich mit seinem Bewusstsein auseinandersetzt, braucht er die Wahrheit. Allerdings nur solange das, was er mit ihr beschreibt, auch seinem Bewusstsein entspringt. Bewusstsein ohne Wahrheit ist dunkel. Wahrheit ohne Bewusstsein ist leer.

Skizze Nr. 4: Ein bewusster und wahrer Gedanke ist die stärkste Verbindung, die man zur Wirklichkeit herstellen kann.

Dadurch bekommt alles, was er an Selbstbestätigung gewonnen hat, einen Ausdruck, auf dem er aufbauen kann. Ein solcher Gedanke ist natürlich eine große Herausforderung, denn seine Zustimmung erfährt er nicht durch andere, sondern nur durch sich selbst. Die Art und Weise ihn in Worte zu fassen, teilt er vielleicht noch mit anderen, aber entschließen muss er sich selbst zu ihm. Mit einem solchen Gedanken ist er immer allein. 

Skizze Nr. 5: Je intensiver ein Gedanke gedacht wird, umso näher gelangt er an die Wahrheit. Je bewusster man sich zu einem Gedanken entschließt, umso näher gelangt er an einen selbst. Gelingt einem im Laufe des gedanklichen Prozesses beides, entschließt man sich bewusst zur Wirklichkeit und somit zu sich selbst.

Es verlangt weiterhin Zeit und Geduld von ihm, etwas Wahres zu denken. Eine umso schwierigere Aufgabe, als dass er dabei den Bezug zu seinem Bewusstsein aufrechterhalten muss. Jedoch ist es wichtig, dass er sich ihr stellt, um der Wirklichkeit und seiner selbst absolut gerecht zu werden. Es ist die notwendigste Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben.  

Skizze Nr. 6: Setze dich mit dir selbst auseinander und du setzt dich mit der Wirklichkeit auseinander. Je unablässiger du dabei bist, umso mehr wirst du sie verstehen.

Es bringt nichts einmal nachzuvollziehen, welchen gedanklichen Prozess er hier vollzogen hat. Es kommt darauf an, ihn selbst zu leben. Am besten jede Sekunde jeden Tages. Auch wenn es noch so schwierig ist und noch so viel Geduld erfordert. Dazu möchte ich alle, die sich angesprochen fühlen, bewusst auffordern. Die Skizzen habe ich nun gezeichnet. Das Bild muss jeder selber malen.