Geplant obsolet

Geplante Obsoleszenz bezeichnet die absichtlich geplante Verkürzung der Lebensdauer bestimmter Produkte. Klassischerweise wird dabei auf die frühzeitig leere Druckerpatrone verwiesen, die – obwohl noch teilweise voll – keine Tinte mehr ausgibt, dank ihrer Programmierung. Die Idee hinter geplanter Obsoleszenz ist einfach: Ist der Markt vorerst gesättigt, dann sinkt der Absatz. Solange die Tinte in der Patrone noch reicht, kauft man sich keine neue.

Dieses Beispiel, meist angereichert mit anderen wie etwa der Glühbirne mit verkürzter Lebensdauer, wird oft als paradigmatisch für die Abhängigkeit hilfloser Konsumenten von hinterhältigen Unternehmen betrachtet. Doch abseits von den teilweise verschwörungstheoretischen Ausprägungen dieses Narrativs, übersehen auch moderate Versionen die andere Seite der Handelsbeziehung: Denn es steht nicht allein ein böser Konzern im Hintergrund, der den hilflosen Konsumenten Schrottprodukte andreht. Die Planung obliegt nicht allein den Herstellenden, sondern gleichermaßen den Konsumierenden. Obsolet wird auch das vorletzte Smartphone oder das Mode-Objekt des letzten Jahres, aber nicht, weil es ein Unternehmen entschieden hat, sondern auf Kundenwunsch hin.

Die Logik folgt hier derjenigen römischer Fressorgien: Ist man satt, so erbricht man sich und frisst dann fröhlich weiter. Entleert man so den übersättigten Markt, ist wieder Platz für neues Futter und das Erbrochene wird – nun funktionslos gemacht – weit, weit weg geschafft. Wäre sonst auch zu unappetitlich. Übersättigt an Produkten bleibt nur der Hunger nach noch mehr Hunger, noch ein weiteres Mal satt sein zu dürfen, wenn man doch schon ständig statt ist. Dafür muss man sich entleeren, aber der Konsummagen verdaut zu langsam, auch wenn die Nahrung bloß in Häppchen kommt. Es bleibt nur der andere Weg. Dabei hilft einem vielleicht die auf solche Mägen abgestimmte Produktion von Gütern, aber trotzdem: kotzen muss man schon selbst.

Verdauung ist obsolet geworden. Der Konsummagen eine Durchgangsstation, seiner Funktionen entledigt. Was wird an seine Stelle treten? Was wird ihn ersetzen? Die Kategorien unnütz/brauchbar haben in diesem Bereich ausgedient. Brauchbar oder nicht; nahrhaft oder inhaltsleer – alles wird gleichermaßen verstoffwechselt. Jedes Produkt verweist auf seinen Nachfolger und jeder Konsum auf den nächsten. Vielleicht eröffnet sich aus dieser Obsoleszenz des Konsums und seiner Produktion eine neue Möglichkeit noch als Konsument über jenen hinaus zu gelangen. Als Konsument ohne Konsum wäre er dann als ein Produkt der Marktwirtschaft, als Erzeugnis der wirtschaftlichen Verhältnisse schon selbst bald obsolet geworden.

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