Revolutionäre Perspektiven

Jegliche Positionen und Meinungen sind durch die Perspektive geprägt, aus der sie stammen. Perspektiven sind demnach der bestimmende Faktor der eigenen Überzeugungen, des politischen Bewusstseins. Trifft das immer zu? Gibt es nicht die Möglichkeit zur Empathie, die über die Grenzen des Eigenen hinausgeht? Woher kommen Überzeugungen tatsächlich? Und ist der Bezug zur Perspektive nicht viel mehr ein Instrument der Beschränkung der Positionen des Gegenübers, das Absprechen der Fähigkeit der Einzelnen, über das Eigene hinausdenken und kämpfen zu können?

Meine Großmütter haben ein ähnliches Leben geführt, die eine heiratete aus Liebe, die andere aus Mittellosigkeit und der mit der Position der Ältesten aller Geschwister einhergehenden Verantwortung, sich um ihre Geschwister kümmern zu müssen. Trotz der zunächst unterschiedlichen Motive ihrer Vermählungen glitten beide in eine mit der Ehe verbundene Abhängigkeit zu meinen Großvätern, die sie nie überwinden konnten. Die Ähnlichkeit ihrer Lebensrealität nivelliert die Liebe der Einen und die Motive der Anderen zu ein und demselben Verhältnis der Unterordnung und Ausbeutung ihrer Arbeitskraft in der Versorgung des Mannes, der Kinder und später in der Versorgung der Felder und des Hofs. Es ist nicht so als wären meine Großväter nicht ebenso fleißig gewesen, sie schufteten in Deutschland oder in der nächstgelegenen größeren Stadt für den gemeinsamen Lebensunterhalt und den Unterhalt für den Rest der Familie, der Versorgung der eigenen Geschwister und der Geschwister der Frau. Die eine Großmutter schuftete auf den Teefeldern und versorgte ihre sieben Söhne allein. Sie sammelte Holz in den Wäldern für den Ofen, kochte und kümmerte sich um Haus und Wäsche, all diese Arbeiten auf einem sehr hoch gelegenen Dorf, in dem die Luft besonders feucht und der Regen besonders ergiebig niederschlägt. Wenn man dort ist, wirkt es wie im Paradies besonders schön und ruhig inmitten der Hänge von Teefeldern umgeben zu stehen und außer dem Zwitschern der Vögel und der endlosen Weite der Felder nichts zu sehen und zu hören. Das war mein Eindruck von diesem Ort, der meine Großmutter so leiden ließ, dass sie, als sie später krank wurde und man sie fragte, ob sie nochmal an diesen Ort zurückkehren wolle, dankend ablehnte, da sie dort nur gelitten und geschuftet habe. Man sah ihr die Knechtung nie so an wie meiner anderen Großmutter. Ob es an der Liebe lag, die die Grundlage ihrer Misere bildete, oder an dem Umstand, dass es ihr besser gelang, in den kurzen Zeitabschnitten, in denen wir sie aus Deutschland besuchten, ihren Schmerz zu verbergen, wird man wohl nicht mehr herausfinden können. Spät erfuhr ich von den Umständen der Vermählungen meiner Großeltern, doch erinnere ich mich genau an den Moment, wo aus unschuldigen alten Leuten Beherrscher und Unterdrückte wurden, in denen die Zwänge, denen sie ausgeliefert sind und waren, für mich in jeder Bewegung wahrnehmbar wurde. Aus heutiger Perspektive spricht man von Normalität und Verhältnissen, die zu der damaligen Zeit, in der sich meine Großeltern vermählten, wohl üblich gewesen seien, und ist dankbar für den Umstand, dass wohl heute alles anders sei. Doch verhindert diese Zurückweisung der Umstände nicht, dass die historische Perspektive Erkenntnisse bringt, die uns lernen lassen? Die Beschränkung der weltlichen Zusammenhänge auf ihre unmittelbare zeitgenössische Erscheinung ist wesentliches Moment der gegenwärtigen Unwissenheit, die wesentliche Beschränkung aller Perspektiven. Es geht also nicht um Erinnerung, sondern um die Erkenntnis, die aus den Untersuchungen der vergangenen Verhältnisse abgeleitet werden kann. Die Vernachlässigung der historischen Perspektive in der Zurückweisung und der Verortung ihrer Erscheinungen als vergangen und damit gänzlich überwunden verhindert Zusammenhänge und Entwicklungen nachzuvollziehen und legt über alles Kommende den Schleier des Fortschritts. Sind die Lebensrealitäten von weiblich gelesenen Subjekten denn wirklich so anders als die meiner Großmütter? Ist die herrschende Erscheinung der Ehe fortschrittlicher als die damalige Form? Der Blick auf die Zustände in der heutigen Türkei, extreme Armut, Legalisierung von Kinderehen, Verfolgung und Ermordung kurdischer Personen, steigende Zahl der Ermordung von Frauen usw. usf., lässt keine Zweifel daran, dass die emanzipatorischen Bestrebungen, die aus den Missständen der Zeit der Vermählungen meiner Großeltern entstanden, in eine ebenso starke wie grausame Reaktion mündeten, die sich mit der Präsidentschaft Erdogans vollständig durchsetzt. Diese Reaktion auf die emanzipatorischen Bewegungen der 70er und zuletzt auf die der Gezi-Park-Bewegung mündet in eine Form der Klassenherrschaft und in die Herrschaft der Männer über die Frauen. Wenn revolutionäre Bestrebungen nicht gänzlich umgesetzt werden und nur der emanzipatorische Anspruch bleibt, ermöglicht dieses Scheitern der gänzlichen Umsetzung die Reaktion, indem sich diese Seite als gewinnende Instanz inszeniert und die emanzipatorischen Bewegung als nicht realisierbare Idee diffamiert. Die Umsetzung der emanzipatorischen Ansätze scheitert aber in ihrer Unzulänglichkeit, ganzheitlich umzuwälzen, was Voraussetzung und Bedingung der Vereinnahmung der Bewegung durch die Reaktion ist. Frauen gehen in diesem System der Klassen als besonders Unterdrückte hervor, da in ihnen die ursprünglichste Form des Eigentums vorliegt: die Verfügung über fremde Arbeitskraft, die Verfügung des Mannes über die Arbeitskraft der Frau. Stärker denn je existiert Zwang zu Eheschließung im frühen Alter, durch die steigende Arbeitslosigkeit ist darin auch die Erwerbslosigkeit der Frauen eingeschlossen. Ihre einzige Möglichkeit ist es, als Hausfrauen in vollkommener Abhängigkeit zum Verdienst ihres Gatten tätig zu sein. Die Frau geht damit als Arbeitskraft, über die ihre Eltern verfügten, in die Ehe, in der der Mann und seine Familie über ihre Arbeitskraft verfügt.

Die Ehe ist ein umstrittenes Thema in der feministischen Theorie und Praxis, weil durch die Trennung von Privat und Öffentlich Dinge wie die Gestaltung der Partnerschaften zur Privatsache erklärt wurden. Gleichzeitig ist ebendieser private Raum und schon die Trennung der Bereiche selbst wesentliche Voraussetzung der bestehenden Ordnung und ihrer Produktionsweise, da in der Trennung dieser Bereiche Versorgungsstrukturen etabliert wurden, die als sogenanntes Hinterland der Lohnarbeit diese in ihrer heutigen Form ermöglicht. In der Trennung dieser Bereiche lag vor der Inklusion aller Frauen in die Lohnarbeit die geschlechtergetrennte Arbeitsteilung und die damit einhergehende Konstruktion von Weiblichkeit und Unterdrückung und Beherrschung der weiblichen Subjekte im Hausfrauenmodell. Später diente die Trennung weiterhin der Zuteilung von weiblicher Tätigkeit in der Konstruktion des Frauenbilds allerdings in Kombination mit der Tätigkeit als Lohnarbeitende. Diese Ordnung erhält sich in Institutionen wie der Ehe, die in ihrer gesetzlichen Erscheinung aber spätestens bei der Realisierung der Lebensweise innerhalb der Partnerschaft und der Familiengründung aufgrund von äußeren herrschenden materiellen Zwängen in ebendiese Regressivität zurückfällt, in denen sich meine Großmütter befanden. Die besagten Zwänge sind durch ihre materielle Natur so stark, dass einzelne Subjekte, selbst wenn sie in ihrem persönlichen Empfinden andere Ansprüche an ihre Ehe stellen, unangenehme Entscheidungen treffen müssen, die dann doch zu Lasten des weiblichen Teils gehen. Nicht zuletzt sorgt beispielsweise das sogenannte Gender Pay Gap dafür, dass Mütter nach der Geburt des Kindes eher in Teilzeit gehen, da die Familie auf den höheren Verdienst des Mannes angewiesen ist. Gesetzlich wird der Lohn der Frau im Ehegattensplitting als Zusatzlohn verrechnet, ein Umstand, der sich in dem tendenziell geringeren Verdienst aller Frauen bemerkbar macht, und der ein Relikt aus den Ergebnissen des zweiten großen Arbeitskampfs ist, in dem sich Arbeitende dafür einsetzten, proletarische Frauen und Kinder aus der Lohnarbeit auszuschließen, um die vollkommene Degeneration der Kinder zu verhindern. Daraufhin wurde der Haupternährerlohn eingeführt, der den männlichen Lohnarbeitern ausgezahlt wurde und deutlich höher ausfiel als der Lohn der Frauen. Auf diese konnte nach diesem Zeitpunkt flächendeckend das Ideal der Hausfrau, das bis dato in der besitzenden Klasse vorherrschte, angewandt werden. In der späteren Inklusion aller Frauen in den Produktionsprozess blieb die Konstruktion von Weiblichkeit verbunden mit der Übernahme aller Fürsorgetätigkeiten erhalten und äußert sich in ihrer heutigen Erscheinung in der Auslagerung der Fürsorgetätigkeiten auf überwiegend andere Frauen, die im Niedriglohnsektor diesen Tätigkeiten nachgehen. Der Umstand des Niedriglohns hängt weniger mit der Geringschätzung weiblicher Tätigkeit zusammen als mit der Unvereinbarkeit dieser Tätigkeiten mit der Logik des Kapitals. Die Fürsorge als Tätigkeit kann nicht effizienter gestaltet werden, weswegen die einzige Möglichkeit des Profits in der Reduktion der Löhne liegt. Häufig bedarf es deswegen staatlicher Intervention, wobei der Staat auch nicht interessenslos agiert und die Löhne ebenfalls stark reduziert als Bedingung zur Erhaltung von Kindertagesstätten etc. Es ist interessant zu beobachten, dass in den letzten Jahren insbesondere das Phänomen des Gender Pay Gap zu Unmut im öffentlichen Raum geführt hat, aber eine stringente Herleitung der Ursache und seiner Erscheinungsform nicht diskutiert wurde, da diese Herleitung, wie sie weiter oben kurz angeschnitten worden ist, beweist, dass die Ursache der Ungerechtigkeit tief in der bestehenden Ordnung verankert ist.

Ist es also antifeministisch, in den privaten Raum weiblicher Subjekte einzugreifen und ihre Lebensweise und ihre Entscheidungen zu politisieren? Gibt es nicht doch die Möglichkeit, eine andere Form von Ehe zu führen? Die Beantwortung dieser Fragen steht und fällt mit den Voraussetzungen der Gestaltung der Lebensweise, also ob schon vor der Eheschließung materielle Zwänge wirken und welches Potenzial der Erhaltung der Autonomie in der Partnerschaft liegt. Doch spätestens bei der Frage der Versorgung der Kinder und der damit verbundenen Reduktion der Lohnarbeit ist die Gefahr groß, sich vernünftigerweise für den höheren Lohn des Mannes zu entscheiden, wie er in dieser Gesellschaft vorherrscht. Es stellt sich auch die Frage, warum Heiraten als Manifestation der Partnerschaften in der Institution der Ehe immer noch so weit verbreitet ist, dies liegt neben der romantischen Komponente an den mit der Eheschließung einhergehenden gesetzlichen Privilegien und Sicherheiten, die weitere Anreize zur Vermählung schaffen.

Und trotzdem sträubt sich alles in mir auf, wenn ich daran denke, dass Frauen in meinem Alter freiwillig in den Bund der Ehe treten. Das liegt nicht allein an den vernünftigen Gründen, als Frau der Ehe aus dem Weg zu gehen, sondern wohl auch an der Perspektive, die die Lebensrealitäten meiner Großeltern, meiner Verwandten, die in der Türkei leben, die erheblich unter der Reaktion in Erdogans Regime leiden, miteinschließt. Neben den herrschenden materiellen Zwängen, die in ihrer reduzierten Form auch in Deutschland herrschen, werden Frauen innerhalb ihrer familiären Struktur erheblich unter Druck gesetzt, den Gang zum Altar bzw. vor den zuständigen Imam und Standesbeamten möglichst früh zu beschreiten. Für die derzeitig herrschenden türkischen Verhältnisse ist man mit 25 Jahren „daheim geblieben“, d.h. an der einzigen Pflicht der Frau, aus dem Haus der Eltern in die neue Familie einzutreten, gescheitert. (Ein weiterer Beweis für die enorme Drucksituation, in der sich die jungen türkischen Frauen wiederfinden, dass es für ihr Scheitern einen festen Terminus gibt: evde kalmış.) Die Bezeichnung als einzige Pflicht ist keine reine Polemik, darin enthalten ist die Überzeugung der Reduktion weiblicher Subjekte in ihrer Rolle als Mutter und Hausfrau und die Beherrschung ihrer Arbeitskraft durch einen Mann. Eine Reduktion, die auch in Deutschland spätestens nach der Geburt der Kinder auf Frauen angewandt wird, dem das Ideal der Powerfrau entgegengesetzt wird, in dem die Frau nicht nur Mutter, sondern auch Tätige ist. Dies ist ein kläglicher Versuch, die Reduktion als Mütter mit einem Paradigma, das noch höhere Belastung und Knechtung der Frauen beinhaltet, zu beantworten.

Es ist nicht Mitleid, das ich empfinde, wenn ich an meine Großmütter denke, es ist die Fähigkeit, sich an herrschendes Leid zu erinnern, sich vor Augen zu führen, wie frei man ist, allein, weil die Familie wenigstens weit genug weg ist, als dass sie einen ihren Zwängen aussetzen könnte. Vielleicht wird einem die eigene Selbstbestimmung erst durch drohende Fremdbestimmung klar, vielleicht redet man sich aber auch gerne ein, alles anders machen zu können, sich an den Fortschritt klammernd an die verbesserte Ordnung zu glauben. Umso wichtiger ist es, den historischen Kontext nicht aus den Augen zu verlieren. Der Kampf um die Frauenfrage ist so alt wie die Unterdrückung selbst, nur durch den Bezug zu Vergangenem kann es zu tatsächlicher Verbesserung und Entwicklung kommen, ohne diesen Bezug stagniert der Kampf und lässt Raum für Vereinnahmung und Reaktion. Es muss nicht so weit kommen, dass Frauen in Istanbul auf der Straße mit dem Messer angegriffen werden, weil sie einen kurzen Rock tragen oder rauchen, die Veränderung liegt in der Klarheit der Umstände, die wir nur anhand der Untersuchung und Berücksichtigung der vergangenen Umwälzungen erlangen können. Herrschaft beginnt bei der Vereinzelung der Frauen, der Illusion, als Frau unabhängig der herrschenden Verhältnisse die Ehe ganz anders führen zu können, bei der Illusion, dass die Großmutter längst tot und ihr Leben ein ganz anderes gewesen sei. Tritt man aus dieser Vereinzelung aus und verbindet sich mit anderen als weiblich gelesen Subjekten, stellt man fest, dass die Ähnlichkeit der Unterdrückungsformen keine zufällige ist, und stellt sich in die historische Reihe eines Kampfes, der noch nicht zu Ende ist, solange eine Reaktion auf das emanzipatorische Bestreben noch möglich ist. Dieser Zusammenschluss und das Begreifen der historischen Komponente des andauernden Kampfes vereint die unterschiedlichen Perspektiven zu ein und demselben Anspruch der revolutionären Notwendigkeit zur Beendigung jahrhundertelanger Ausbeutung und Knechtung. Durch die Kraft, die in der Vereinigung und der mit ihr verbundenen Verschmelzung der Perspektiven liegt, erhält die Perspektive eine in ihrem historischen Verständnis liegende, von Hoffnung getragene Zukunftskomponente. In der Erscheinung dieser Zukunft stagniert die Bewegung nicht mehr in der Bewältigung von subjektivem, ins Private gedrängten Schmerz; die Perspektive selbst wird zum Träger der Hoffnung, zur Bewältigung des herrschenden Schmerzes, zum Antrieb des gemeinsamen Kampfs. Diese revolutionäre Perspektive gibt die Fähigkeit, über das Vorhandene hinaus zu denken und die Grenzen der herrschenden Ordnung zu sprengen. Sie kann sich nur dann entfalten, wenn nicht vergessen wird, wenn sich zusammengeschlossen und sich vereinigt wird. Der Gedanke, alleine für seine Freiheit kämpfen zu müssen, reduziert die eigene Perspektive, bis sie zu dem wird, was vorherrscht: zur Akzeptanz des eigenen Leids und innerhalb der Ordnung das erträglichste Leben zu führen. Aber Perspektive kann mehr, in ihr selbst liegt die Fähigkeit zur revolutionären Vereinigung, im Vergessen dieses Potenzials liegt die Reduktion des Anspruchs an eine Ordnung, in der es dann nicht mehr darum geht, ein gutes Leben zu führen, sondern ein erträgliches. Meine Großmütter ertrugen ihre Stellung, sie litten allein und kämpften für ein erträgliches Überleben. Schließt euch zusammen, vereinigt euch, öffnet die Perspektive, verharrt nicht im Subjektiven, nutzt die Möglichkeiten des Ledigseins und erinnert euch in jedem Moment eurer Existenz an das Kollektiv, das seit Jahrhunderten für eine Beseitigung der Missstände kämpft.

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