Semantische Bestimmtheit, Regeln und Bedeutungsskeptizismus

1. Einleitung

Unser Denken, Handeln und Sprechen verstehen wir als bedeutungsvoll. Ein Satz, den ich etwa äußere, ist bedeutungsvoll, das heißt er hat einen bestimmten Sinn. Was heißt es aber, dass ein Satz einen bestimmten Sinn hat? Der Begriff der semantischen Bestimmtheit soll im ersten Abschnitt dieses Artikels begrifflich gefasst und mit Hilfe von Robert Brandoms inferentieller Semantik und Wittgensteins Begriff der Regel dargestellt werden. Die folgenden Abschnitte werden sich damit beschäftigen, wie menschliche Praxis aufgefasst werden muss, um als bedeutungsvoll gelten zu können. Im Zuge dessen werden wir auf Sebastian Rödls Idee menschlicher Praxis zu sprechen kommen und zwei Auffassungen von Regeln diskutieren. All das fordert uns schließlich dazu auf zu rechtfertigen, warum menschliche Praxis als bedeutungsvoll aufgefasst werden muss. Diese Frage behandelt auch Wittgenstein im Zuge seiner Diskussion des sogenannten Regelfolgeproblems. Das Regelfolgeproblem stellt mit Nachdruck in Frage, dass unsere Praxis einen bestimmten Sinn hat und wirft somit kritisches Licht auf unser Selbstverständnis. Der letzte Abschnitt des Artikels behandelt daher das Regelfolgeproblem und diskutiert, ob und inwiefern Wittgensteins Argument den Bedeutungsskeptizismus zurückweisen kann. Die Frage, die dieser Artikel behandelt, ist also: Ist es möglich zu rechtfertigen, dass unsere Praxis bedeutungsvoll ist?

2. Semantische Bestimmtheit: einer Regel folgen.

Zunächst zur Frage, was es überhaupt heißen kann, dass unsere Praxis bedeutungsvoll ist. Eine Möglichkeit, anschaulich zu beschreiben, was es heißt, dass etwas bedeutungsvoll ist, bietet Brandoms inferentielle Semantik. Nach Brandom besteht etwa die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks in den inferentiellen Beziehungen, in denen der Ausdruck zu anderen Ausdrücken steht. Diese Beziehungen können in Form von Schlussfolgerungen explizit gemacht werden. Seine Bedeutung erhält der Ausdruck durch die Rollen, die er in den Schlussfolgerungen spielt, das heißt als Prämisse oder Konklusion. Die Bedeutung eines Ausdruck verstehen wir daher, wenn wir wissen, was aus einem Ausdruck gefolgert werden und woraus dieser selbst gefolgert werden kann. Mein Sprechakt ist dementsprechend bedeutungsvoll insofern ich mir der Konsequenzen bewusst bin. Brandom führt in diesem Zusammenhang zwei Begriffe ein: den Begriff der Verpflichtung („commitment“) und den Begriff der Berechtigung („entitlement“). Bedeutung hat mein Sprechakt also insofern, als ich mich mit diesem auf Bestimmtes verpflichte und mir dadurch die Berechtigung zu bestimmten Verpflichtungen nicht mehr gegeben ist – das heißt, mein Sprechakt ist inkompatibel mit bestimmten anderen Sprechakten. So hat der Sprechakt „Das ist rot!“ einen bestimmten Sinn, da ich mich mit diesem auf Bestimmtes verpflichte und da dieser inkompatibel mit bestimmten anderen Sprechakten ist – etwa seiner Negation.[1]Brandom, Making It Explicit. Ein Sprechakt ist also bedeutungsvoll insofern mit diesem festgelegt wird, wie potenzielle weitere Aktivitäten beschaffen sein müssen, um als dessen Fortsetzung zu gelten. Dieser Gedanke leuchtet besser ein, wenn das Schachspiel als Beispiel für bedeutungsvolle Praxis herangezogen wird. Ein Schachzug hat Bedeutung, wenn damit festgelegt wird, wie fortgesetzt werden kann und das heißt: welche weiteren Züge erlaubt sind und welche Züge dadurch nun nicht mehr erlaubt sind.

Das kann auch so formuliert werden: Der Sprechakt hat einen bestimmten Sinn insofern dieser einer Regel folgt. Die Regel bestimmt dann, wie potenzielle weitere Aktivitäten beschaffen sein müssen, um als Fortsetzung der Regel zu gelten. Eine wichtige Bemerkung ist in diesem Zusammenhang: Man kann der Regel auch nicht folgen. Man kann der Regel widersprechen. Hier können zwei Fälle unterschieden werden: der Regel wird aufgrund eines Fehlers nicht gefolgt oder es handelt sich um einen regellosen Vorgang. Ersteres wäre zum Beispiel der Fall, wenn mir eine komplizierte Mathematikaufgabe gestellt würde, bei der mir ein Fehler unterläuft: Hier würden wir wohl sagen, dass ich den Regeln folge, unseren Begriff der Addition verwende etc. – wenn ich dennoch in Widerspruch mit den Regeln gerate, dann liegt das einfach daran, dass ich einen Fehler gemacht habe. Einen regellosen Vorgang würden wir dahingegen zum Beispiel darin erkennen, wenn jemand behauptet „Das ist rot!“ und mit der widersprechenden Behauptung „Das ist nicht rot!“ fortsetzt. In diesem Fall – wir nehmen an, alles geschehe im Ernst und es wird sich kein Spaß erlaubt – sollte es uns schwer fallen, diesen Äußerungen einen bestimmten Sinn zuzuschreiben.[2]PU § 143. Wir könnten diesen Fall aber auch abändern und uns denken, dass einer Regel mit Absicht nicht (mehr) gefolgt wird und der inkompatible Satz „Das ist nicht rot!“ Ausdruck dafür ist, dass nun einer anderen Regel gefolgt wird. Es besteht also auch die Möglichkeit einer Regel nicht zu folgen, indem man sich entscheidet, einer anderen, ihr widersprechenden Regel zu folgen. Eindrücklich kann dafür ein Beispiel aus dem Bereich des Politischen sein: eine Person könnte sich dafür entscheiden, der „vorherrschenden Meinung“ und deren Regeln zu widersprechen, indem sie den Begriff „Diktator“ statt „Präsident“ verwendet.
Wichtig in diesem Abschnitt ist, dass eine minimale Bestimmung davon erarbeitet wurde, was es heißt, dass eine Aktivität einen bestimmten Sinn hat. Eine Aktivität hat einen bestimmten Sinn, wenn diese einer Regel folgt und damit festlegt, wie potenzielle weitere Aktivitäten beschaffen sein müssen, um als Fortsetzung der Regel zu gelten. Eine Aktivität hat also einen bestimmten Sinn, insofern sie mit bestimmten anderen Aktivitäten übereinstimmt und insofern sie wiederum mit anderen Aktivitäten im Widerspruch steht. Wichtig war die Bemerkung, dass man der Regel auch nicht folgen kann. Aus dieser Betrachtung konnte man unter anderem entnehmen, was es heißt, dass etwas keinen bestimmten Sinn hat. Ein regelloser Vorgang hat keinen bestimmten Sinn, da aus diesem keine Schlüsse gezogen werden können – er legt sich auf nichts fest.

3. Die Idee menschlicher Praxis

Wie müssen nun Regeln und menschliche Praxis konkreter aufgefasst werden, wenn diese bedeutungsvoll sein sollen? Rödl argumentiert dafür, dass menschliche Praxis als Idee aufgefasst werden muss. Den Begriff der Idee übernimmt Rödl von Hegel. „Hegel calls a concept that explains the existence of its instances and thus is the source of its own actuality “idea”.“[3]Rödl, The Idea of Practice, 191. Das gibt uns die Möglichkeit insbesondere zwei Auffassungen vom (formalen) Verhältnis zwischen einem Begriff bzw. einer Regel und deren Instanzen zu unterscheiden. Erste Auffassung: Die Instanzen setzen den Begriff nicht voraus und sind damit unabhängig von diesem Begriff beschreibbar (A1). Zweite Auffassung: Die Instanzen setzen den Begriff voraus und können nicht ohne diesen beschrieben werden (A2). Letztere Auffassung exemplifiziert das Verhältnis vom Begriff zu seinen Instanzen, insofern es sich bei diesem um eine Idee handelt. Nach Rödl handelt es sich beim Begriff der menschlichen Praxis um eine Idee.

Letzterer Auffassung zufolge sind Regeln unserer Praxis intern, der anderen Auffassung zufolge extern. A2 beschreibt eine in sich bedeutungsvolle Praxis, während A1 an sich keine Bedeutung hat. A2: Unsere Praxis ist in sich bedeutungsvoll, das heißt unsere Aktivitäten selbst und nichts anderes legen fest, was inkompatibel etc. ist. Man könnte sagen: Einer Regel folgen ist nicht (nur) das Handeln gemäß einem Begriff, sondern das Handeln durch einen Begriff. Ein Begriff ist dementsprechend Ursache oder Grund der Handlung. A1: Die Aktivitäten (Instanzen) sind in sich nicht bedeutungsvoll, da sie durch keine Regel bestimmt sind. Sie können aber Regeln entsprechen. Regeln wären in Bezug auf diese Vorgänge bloß Deutungen, die zu diesen in einem äußerlichen Verhältnis stehen.
Um diese zwei Formen der Aktivität – regelgeleitete Aktivität und regellose Vorgänge – klarer zu unterscheiden, bietet es sich an, ein Beispiel von Brandom zu verwenden. Dieses Beispiel wirft die Frage auf, worin der Unterschied zwischen einem Menschen besteht, der „Rot!“ berichtet, und einem Papageien, der ebenso in Umgebung von roten Gegenständen etwas äußert, das wie unser Wort „rot“ klingt. Der Mensch sowie der Papagei äußern denselben Laut in denselben passenden Situationen, dennoch möchten wir einen Unterschied zwischen dem artikulierten Laut oder Bericht des Menschen und dem – sogenannten – bloßen Laut des Papageien treffen. Wir möchten sagen, dass es sich in dem einen Fall um eine bedeutungsvolle Wortverwendung handelt, während in dem anderen Fall keine Inferenzen im Spiel sind, das heißt die Laute des Papageis haben keinen bestimmten Sinn. Es geht hier gar nicht darum, diese Auffassung zu rechtfertigen; es geht um den formalen Unterschied, der in dieser Auffassung paradigmatisch zum Ausdruck kommt. Brandom führt das weiter aus: „The reporter’s response is meaningful – not just, as in the case of […] the parrot, to others, but to the responding reporter personally.“[4]Brandom, Making It Explicit, 88. Es werden hier zwei Weisen beschrieben, wie etwas bedeutungsvoll sein kann. Erstens: etwas ist in sich selbst bedeutungsvoll. Zweitens: etwas ist nur für etwas Anderes bedeutungsvoll und nicht in sich selbst. Letzteres trifft etwa auf die regellosen Vorgänge des Papageien zu. Die Laute haben in sich keine Bedeutung, das heißt für den Papagei. „[T]hose respones mean nothing to them, though they can mean something to us.“[5]Brandom, Making It Explicit, 88. Die Laute des Papageien haben also bloß Bedeutung, insofern wir diese in einem bestimmten Sinn deuten – sie weisen den bestimmten Sinn aber nicht in sich selbst auf. Unsere menschliche Praxis ist dagegen in sich selbst bedeutungsvoll. Man könnte es auch so formulieren: Menschliche Praxis ist in sich selbst durch Regeln bestimmt; in Bezug auf die Laute des Papageis sind die Regeln jedoch bloß Ausdruck einer Deutung.

4. Das Regelfolgeproblem

Im vorangehenden Abschnitt wurde in sich bedeutungsvolle Praxis von bloßen Vorgängen unterschieden. Als ein Beispiel für letztere wurden die Laute des Papageien angeführt. Brandom beschreibt Vorgänge, die an sich bedeutungslos sind, aber für etwas anderes Bedeutung haben können, mit dem Begriff derivative intentionality. Hier sind Regeln bloß Ausdruck einer Deutung der Vorgänge und den Vorgängen nicht inhärent. Man könnte auch sagen: Diese Vorgänge können Regeln entsprechen, folgen diesen aber nicht. Den Begriff derivative intentionality unterscheidet Brandom von dem Begriff original intentionality, der der menschlichen Praxis entspricht.[6]Brandom, Making It Explicit, 60. Das Regelfolgeproblem stellt dieses Selbstverständnis in Frage. Es stellt in Frage, dass unsere Praxis durch Regeln bestimmt ist, die nicht Ausdruck von Deutungen sind. Wir werden dadurch dazu aufgefordert, eine Rechtfertigung dafür zu geben, dass unsere Handlungen tatsächlich Regeln folgen. Im folgenden Abschnitt soll ein Punkt dargestellt werden, der auf Wittgensteins Diskussion des Regelfolgeproblems basiert. Damit soll nicht behauptet werden, dass „das“ Regelfolgeproblem dargestellt wird (dazu scheint es nötig zu sein, auch die konkreten Fälle zu diskutieren, die Wittgenstein beschäftigen), aber mindestens ein zentraler Aspekt desselben soll hier nichtsdestotrotz behandelt werden.
Die Frage, mit der wir uns konfrontiert sehen, könnte zunächst „Was hast du mit diesem Satz gemeint?“ lauten. Eine mögliche Antwort wäre eine Reformulierung des Satzes oder ein anderer Satz, der eine Verpflichtung ausdrückt, die aus dem ursprünglichen Satz folgt. Der Skeptiker kann nun jedoch erneut fragen und dazu auffordern, die Bedeutung des neuen Satzes zu erklären. Der Skeptiker initiiert Wittgensteins Diskussion des Regelfolgeproblems mit Fragen von dieser Form. Jeder Erklärungsversuch der Form „Ich wollte damit sagen, dass…“ bietet dem Skeptiker einen neuen Anlass, um diese Erklärung wieder in Frage zu stellen.
Der Skeptiker tut zunächst nichts weiter, als die Erklärung der Bedeutung meiner Handlung zu fordern. Ich erkläre sie unter Verweis auf eine Regel, indem ich meine Handlung etwa mit den Worten „Ich folge der Regel X“ beschreibe. Damit erhebe ich den Anspruch, das Gerüst, auf dem meine Handlung steht, identifiziert zu haben. Der Skeptiker erkennt darin aber kein Gerüst und will nun wissen, was mit diesen Worten gemeint ist. Und so setzt sich das Spiel fort: Ich erkläre meine Handlung, indem ich sie deute. Die Deutung ist so lange zufriedenstellend, bis ich – angetrieben durch den Skeptiker – mich gezwungen sehe, die Deutung zu deuten.
Der Skeptiker treibt uns an, in Regeln nichts weiter als Deutungen zu erkennen. Dieser Auffassung nach entspricht unsere Praxis letztlich dem zuvor besprochenen Modell einer Praxis, der Regeln extern sind und die somit an sich keine Bedeutung hat. Wenn der Gedankengang des Skeptikers berechtigt ist, handelt es sich bei Regeln letztlich um Deutungen (oder Hypothesen) und es kann nicht davon gesprochen werden, dass unsere Handlungen (in sich) einen bestimmten Sinn haben. „Jede Deutung hängt, mitsamt dem Gedeuteten in der Luft; sie kann ihm nicht als Stütze dienen. Die Deutungen allein bestimmen die Bedeutung nicht.“[7]PU § 198.
Diese Auffassung führt dazu, dass wir unsere Praxis letztlich nicht anders als die Laute des Papageien denken. Dessen Laute können in Übereinstimmung oder zum Widerspruch mit der Bedeutung eines Wortes gebracht (gedeutet) werden. Die Konsequenz ist: „Daher gäbe es hier weder Übereinstimmung noch Widerspruch.“ Das liegt daran, dass diese Vorgänge in sich keinen bestimmten Sinn haben.
Wäre die Diskussion an dieser Stelle beendet, müssten wir eingestehen, dass wir die Bedeutung unserer Handlungen – und damit das Selbstverständnis bedeutungsvoller, menschlicher Praxis – nicht vor dem Skeptiker verteidigen und damit rechtfertigen können.

5. Wittgensteins Argument

Der Skeptiker zwingt uns, in einer bestimmten Art und Weise über unsere Praxis zu sprechen. Nämlich in dem Sinne, wie wir etwa über andere Lebewesen sprechen – indem wir Hypothesen aufstellen. Dass wir unsere Praxis auch anders denken können, wird dadurch verschleiert. Es wird verschleiert, indem wir das Selbstverständnis „unsere Praxis folgt Regeln“ als eine Hypothese auffassen. Regeln sind demzufolge nichts anderes als Ausdruck von Deutungen. Wenn Regeln konstitutiv für unsere Praxis sind – wozu eben auch das Aufstellen von Hypothesen gehört –, dann müssten Regeln, die nicht bloß Deutungen sind, auch der Auffassung des Skeptikers zugrunde liegen.
Wittgenstein weist darauf hin, dass dem skeptischen Gedankengang ein Missverständnis zugrunde liegt. Dieses Missverständnis formuliert er in Paragraph 201 wie folgt:

“Daß da ein Missverständnis ist, zeigt sich schon darin, daß wir in diesem Gedankengang Deutung hinter Deutung setzen; als beruhige uns eine jede wenigstens für einen Augenblick, bis wir an eine Deutung denken, die wieder hinter dieser liegt. Dadurch zeigen wir nämlich, daß es eine Auffassung einer Regel gibt, die nicht eine Deutung ist […]”[8]PU § 201.

Interessant ist dabei zunächst Wittgensteins Hinweis, dass sich das Missverständnis des skeptischen Gedankengangs nicht an etwas anderem, sondern im Gedankengang selbst zeigt. Dass dieser Gedankengang einem Missverständnis aufsitzt, zeigt sich, indem wir diesen Gedankengang durchspielen – Deutung hinter Deutung setzen. Dadurch zeigen wir, dass es eine Regel gibt, die keine Deutung ist. Inwiefern das? Der skeptische Gedankengang führt doch zu dem Schluss, dass die Regel bloß die Deutung unserer Handlungen ist? Inwiefern zeigen wir, indem wir diesem Gedankengang folgen, dass er eine andere Auffassung von Regel ausdrückt?
Dass es eine Auffassung einer Regel gibt, die nicht eine Deutung ist, ist Bedingung der Möglichkeit dafür, den skeptischen Gedankengang durchzuspielen. Der skeptische Gedankengang besagt, dass unsere Praxis, also unser Denken, Handeln und Sprechen, keinen bestimmten Sinn hat und dass Regeln bloß Ausdruck einer Deutung dieser Vorgänge sind. Das tut er aber nur, insofern dieser selbst einer anderen Form von Regel folgt. Der skeptische Gedankengang bestimmt, was der Fall sein muss, damit er wahr ist – damit bestimmt er auch, welche Gedanken sich zu ihm inkompatibel verhalten etc.
Wenn der skeptische Gedanke einen bestimmten Sinn hat, dann zeigt die Form des Gedankengangs – dass ich diesen Gedanken denke –, dass sein Inhalt nicht zutreffen kann bzw. widerlegt diesen. Hierin zeigt sich das Missverständnis des skeptischen Gedankengangs. Der Gedanke fällt ein Urteil über die Form menschlicher Praxis und damit des Denkens selbst, das, indem ich den Gedanken denke, widerlegt wird. Rödl formuliert das auch so: „We show that the reasoning is mistaken by doing something such that there would be no such thing as doing it if the reasoning were sound.“[9]Rödl, The Idea of Practice, 194.

6. Konklusion

Der Anspruch des vorangehenden Abschnitts bestand darin zu zeigen, dass die skeptische Auffassung, die in Regeln nichts weiter als Deutungen unserer Praxis erkennt, einem Missverständnis aufsitzt. Mit dieser Auffassung wurde sich auseinandergesetzt, weil sie kritisches Licht auf das Selbstverständnis unserer Praxis wirft. Diese lässt die Begründung, unsere Praxis habe einen bestimmten Sinn, da sie bestimmten Regeln folgt, nicht gelten, sondern erkennt darin letztlich nur eine Deutung von Vorgängen, die wir Denken, Handeln und Sprechen nennen. Wittgensteins Behandlung des Regelfolgeproblems ermöglichte es dann zu verstehen, inwiefern dem skeptischen Gedanken selbst eine andere Form von Regel zugrunde liegt. Der skeptische Gedanke besagt, dass menschliche Praxis keinen bestimmten Sinn hat und Regeln bloß Ausdruck einer Deutung sind; das tut er aber nur dadurch, dass er selbst einer anderen Form von Regel folgt. Das Denken des skeptischen Gedankengangs zeigt damit die Form des Denkens. Diese lässt sich minimal dadurch beschreiben, dass ein Gedanke festlegt, was der Fall sein muss damit er wahr ist und welche anderen Gedanken inkompatibel zu ihm sind bzw. aus diesem folgen. Das Missverständnis des skeptischen Gedankens besteht nun darin, dass die Form des skeptischen Gedankengangs selbst seinen Inhalt widerlegt.
Indem gezeigt wurde, dass Regeln selbst dem skeptischen Gedankengang zugrunde liegen, sollte plausibilisiert werden, dass menschliche Praxis als Idee aufgefasst werden muss. Wenn menschliche Praxis als Idee aufgefasst wird, ist es möglich zu rechtfertigen, dass menschliche Praxis in sich bedeutungsvoll ist.

Referenzen   [ + ]

1. Brandom, Making It Explicit.
2. PU § 143.
3. Rödl, The Idea of Practice, 191.
4, 5. Brandom, Making It Explicit, 88.
6. Brandom, Making It Explicit, 60.
7. PU § 198.
8. PU § 201.
9. Rödl, The Idea of Practice, 194.