Kritik im und am Theater

Theaterbesuche sind oftmals nicht nur wegen des Geschehens auf der Bühne interessant, mindestens genauso viel Handlung findet sich eine Etage tiefer, in den Weiten des Zuschauerraums. Schaut man sich während der Vorstellung um, lassen sich allerhand Reaktionen beobachten. Ekel, Mitgefühl, Scham sind nur einige davon. Schon Aristoteles sprach das Jammern und Schaudern an, das die Zuschauer*innen durch die Tragödie erfahren.[1]Aristot. Poet., 1452a-b. Nicht selten kommt es aber vor, dass einigen Zuschauer*innen dieses Jammern und Schaudern derart zu viel wird, sodass sie die Vorstellung verlassen, häufig gepaart mit ungläubigem Kopfschütteln ob der in ihrem Verständnis offenbar nicht weiter auszuhaltenden Handlung auf der Bühne. Die Frage stellt sich hier, ob nicht gerade Theatergänger*innen – beinahe schon per definitionem der bildungsbürgerlichen Schicht zuzuordnen – durch die morgendliche Lektüre der überregionalen Tageszeitung mit ausgedehntem Feuilleton gewarnt wurden. In den Feuilletons finden sich beinahe täglich mehrere Kritiken zu Inszenierungen verschiedenster Stücke in den verschiedensten Schauspielhäusern. Die Kritiken sind somit einerseits ein fester Bestandteil der Presselandschaft – sei es in der großen überregionalen Tageszeitung oder im kleinen regionalen Blatt –, andererseits aber auch des ganzen Theaterbetriebs. Dies betrifft nicht nur die Kritik von außen, die von professionellen Theaterkritiker*innen verfasst wird, sondern auch die Kritik, die das Theater selbst ausübt. Diese wechselseitige Beeinflussung, die daraus entsteht, lässt sich gut anhand einer drastischen Szene einer Inszenierung am Residenztheater in München aufzeigen. In dem viel diskutierten und auch kritisierten Stück Balkan macht frei des Regisseurs Oliver Frljić wird die Hauptfigur einem realen Waterboarding ohne theatrale Tricks unterzogen, sodass der Darsteller mit zunehmender Dauer immer weniger Luft zu bekommen scheint und beängstigend nach Luft röchelt. Diese Darstellung soll stellvertretend für das ganze Stück stehen, das seine Zuschauer*innen regelrecht erschüttern will. Diesen Effekt verfehlt die Inszenierung auch nicht, stehen doch regelmäßig einige Zuschauer*innen während der Vorstellung auf und verlassen das Theater oder greifen gar in der beschriebenen Szene ein, um den Darsteller von seinen vermeintlichen Qualen (das Stück spielt durchaus damit, dass nicht klar ist, inwiefern die Szene für den Darsteller wirklich gefährlich ist) zu befreien. Hier möchte der Regisseur wohl Kritik am westlichen, durch den Wohlstand generierten, Wegsehen üben, indem er das Publikum unnachgiebig mit besagter Szene konfrontiert, die zudem von den Darstellern in jeder Inszenierung – abhängig von den Reaktionen der Zuschauer*innen – anders gespielt wird. Dem performativen Theater kommt in unvergleichbarer Weise die Fähigkeit zu, diese Brutalität mit einer derartigen Intensität darzustellen, anders als bei nüchtern vorgetragenen Berichten in den Tagesthemen kurz vor dem Schlafengehen. Dies ist die Seite der Kritik im Theater. Doch bei dieser Kritik bleibt es natürlich nicht, vielmehr noch scheint es bewusst einkalkuliert zu sein, dass die Inszenierung öffentliche Kritik hervorruft, insbesondere vom Feuilleton, was kaum verwundert.[2]Eine kleine Presseschau zu Balkan macht frei sowie eine ausführliche Kritik finden sich unter folgendem Link: https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=11017:balkan-macht-frei-wuetend-und-verzweifelt-hilflos-begehrt-oliver-frljic-am-residenztheater-muenchen-gegen-den-deutschen-wohlfuehlkulturbetrieb-auf&catid=671&Itemid=40 (zuletzt abgerufen am 25.05.19). Die eindeutigen Provokationen im Stück, die es neben der besagten Waterboarding-Szene zuhauf gibt, verlangen geradezu nach öffentlicher Beurteilung und Besprechung. Die so entstandenen Kritiken nehmen sich natürlich insbesondere der im Theater geübten Kritik an, was zur Folge hat, dass diese wahlweise als treffend und aufrüttelnd bezeichnet wird oder im Gegenteil, als inhaltslos oder verpuffend. So nimmt Kritik auf Kritik Bezug. Kritik im Theater wird wiederum von Kritik am Theater gekontert.

Dass Kritik aus dem Theater heraus geübt wird, scheint ein elementarer Bestandteil der Theaterlandschaft zu sein, möglicherweise sogar ein Legitimationsgrund für die öffentliche kulturelle Förderung der Theater. Die Rolle der Theaterkritik ist dabei schwieriger zu fassen, insbesondere in ihrer derzeitigen Form. Zieht man Walter Benjamin zu Rate, seiner Zeit selbst großer Kritiker der Moderne sowie scharfer Beobachter gesellschaftlicher Entwicklungen, zeigt sich, dass Kritik an Kunst auch anders aufgefasst werden kann. In diesem Ideal dient Kritik als Reflexion des Kunstwerks (sei es von literarischer, bildender oder darstellender Natur), als eine Vollendung der Kunst.[3]Benjamin, Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik, 78. Kritik steht somit im Dienst des Kunstwerks, anders als die negativ konnotierte Auffassung von Kritik heutzutage, wodurch Kritik häufig mit Verriss gleichgesetzt wird. Kritiken, die Darsteller und deren Schauspiel betrachten, sind so oftmals selbst ein Schauspiel, das Schauspiel der Kritik. Der Text über die Inszenierung wird selbst szenisch aufbereitet, in Portraits über Schauspieler wird eine Geschichte erzählt, ebenso in Kritiken zu Aufführungen. Die Beschreibung der Inszenierung und die Meinung der Autor*innen des Artikels werden selbst zur Inszenierung. Die Kritik eignet sich dabei gewissermaßen dramaturgische Methoden an, die eigentlich Gegenstand der Theaterschaffenden sind. So ist auch in der Theaterkritik häufig zu beobachten, dass Beschreibungen szenisch verdichtet wiedergegeben werden. Es zeigt sich also eine bemerkenswerte Verwandtschaft zwischen Kritik auf der einen Seite und dem Theater auf der anderen Seite. Eindeutig ist jedoch, dass Kritik und (Theater-)Kritik in Beziehung zueinanderstehen, sie bedingen sich gegenseitig. In der Theatertheorie wird von leiblicher Ko-Präsenz von Publikum und Darsteller*innen auf der Bühne während einer Inszenierung gesprochen, ebenso scheint es eine Ko-Präsenz von Kritik im und am Theater zu geben. Erst durch die jeweilige Anwesenheit des anderen kann die jeweilige Kritik ihre Wirkung entfalten.

Was entsteht nun aus diesen sich gegenseitig aufeinander beziehenden Kritiken? Wäre Theater ohne eine Seite der Kritik denkbar? Sicherlich wäre das Theater als unkritische Institution nicht denkbar. Doch wäre eine Theaterlandschaft ohne Theaterkritik denkbar? Für die Theater sind Kritiken zu den Premieren ihrer Inszenierungen ein wichtiger Faktor, um Zuschauer*innen anzusprechen. Die durch das Theater geübte Kritik scheint wirkungslos, würde sie lediglich von einem kleinen, überschaubaren Publikum rezipiert werden. Kritiken in Feuilletons bilden dabei ein wichtiges Instrument der Theater, um ihre Stücke bekannt zu machen. Nicht umsonst werden häufig Presseumschauen von den Theatern präsentiert, die die (positiven) Kritiken oder Teile davon zusammenfassen. Ohne die Theaterkritik wäre die Kritik, die vom Theater ausgeht, also in ihrer Wirkung deutlich schwächer, würde sie doch weniger Rezipienten finden. Weiter bedeutet ein leerer Publikumssaal trotz der staatlichen oder städtischen Zuschüsse einen erheblichen finanziellen Verlust, was wiederum dazu führt, dass Budgets für geplante Inszenierungen gekürzt werden müssen, wodurch Kritik im Theater womöglich nicht hinreichend realisiert werden kann. Der wirtschaftliche Faktor ist somit sicherlich ein nicht zu vernachlässigender Punkt, denn auch die Zeitungsverlage sind auf Käufe und Abonnements angewiesen. In monetären Angelegenheiten besteht folglich eine enge Verbindung, der Fokus soll jedoch auf der Kunst liegen. In diesem wechselseitigen Verhältnis wird es vor allem dann problematisch, wenn Kritik Kritik kritisiert. So umständlich sich dies lesen lässt, so schwierig ist der Zusammenhang. Theaterkritik hat – wie schon gezeigt – viele Aufgaben – trotzt der schon länger ausgerufenen Krise der Kritik. Denn womöglich sind sich Theaterkritik auf der einen Seite und Kritik, die vom Theater ausgeht auf der anderen Seite, gar nicht so unähnlich. Dies führt zu einer zentralen Gemeinsamkeit der doch eigentlich konträr zueinanderstehenden Institutionen: Wirkung und Diskussion. Will das Theater seine Kritik auf seine Rezipient*innen und die Gesellschaft wirken lassen, womöglich sogar eine Veränderung im Denken hervorrufen, kann die Theaterkritik das dadurch unterstützen, indem sie der Vergänglichkeit der Aufführung durch Dokumentation entgegenwirkt. Aber beinahe noch wichtiger als die Fixierung des Bühnengeschehens im Zeitalter von verschiedenen digitalen Aufnahme- und Speichermedien scheint die Reflexion der Kritik zu sein. Die auf der Bühne geübte Kritik wird eingeordnet, reflektiert und diskutiert. Die Kritik des Theaters erhält so einen ersten Resonanzboden, auf dessen Grundlage weiter diskutiert werden kann. Dabei ist es häufig egal, ob die Kritik im Feuilleton wohlwollend ist oder wie im zuvor angeführten Beispiel von Balkan macht frei eher negativ, es entsteht in beiden Fällen eine Diskussion. Somit ähneln sich Kritik im und am Theater nicht nur hinsichtlich ihrer Form des Inszenierens, sie bilden vielmehr zusammen Boden für Diskussion, Wirkung und Kritik.

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Referenzen   [ + ]

1. Aristot. Poet., 1452a-b.
2. Eine kleine Presseschau zu Balkan macht frei sowie eine ausführliche Kritik finden sich unter folgendem Link: https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=11017:balkan-macht-frei-wuetend-und-verzweifelt-hilflos-begehrt-oliver-frljic-am-residenztheater-muenchen-gegen-den-deutschen-wohlfuehlkulturbetrieb-auf&catid=671&Itemid=40 (zuletzt abgerufen am 25.05.19).
3. Benjamin, Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik, 78.

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