Die Leichtigkeit schwerer Kritik

Eine andere Perspektive.

Die aktuelle Inszenierung von „Arsen und Spitzenhäubchen“? Ein Teller Ratatouille im „Gusteau’s“? Oder die autobiografische Darstellung der früheren First Lady?

So oder ähnlich verhält sich wohl die klassische Überlegung eines intellektuell interessierten Pärchens im Hinblick auf die Abendgestaltung. Was verbindet die Optionen in dieser Auflistung? Sie sind, jeder für sich, Gegenstand der öffentlich Kritisierenden. Gemeint sind an dieser Stelle nicht die selbst initiierten Gespräche, die des Austausches sowie der Nachverarbeitung der oben genannten Inspirationen dienen, als vielmehr das, was uns öffentlich dazu dargeboten wird – uns dazu auffordert überhaupt Teil von dieser Gedankendiskussion zu werden, respektive um den genannten Prozess zu verstärken. Das passiert allgemein verkörpert in der Rolle der Kritisierenden in Form einer Kritik oder kritischen Rezension, meist im Feuilleton.

Eine kritische Rezension geht einen langen Weg – und mit ihr, der Kritisierende

Der Kritiker beginnt damit, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen, mit wachem Blick die Darbietung möglichst unvoreingenommen anzunehmen. Subjektive Erfahrungen sind in diesem Moment der Betrachtung zunächst unerwünscht. Denn sonst ist der Kritiker nicht weiter ein neutral Beteiligter. Simultan bedarf die Situation der Sensibilität, pointiert durch das Geschehen initiierte Gefühlen zuzulassen. Sie hinzunehmen, reicht dabei nicht aus. Man muss sie beobachten. Immerhin sollen sie Eingang in die Rezension und damit ihren Weg zum Leser finden.

Der Kritiker befindet sich idealerweise also zugleich in einer aktiven wie passiven Position. Teile seiner Gefühlswelt darf oder muss er gar bewusst steuern – anderen hingegen freien Lauf lassen. Der Prozess, das Erlebte zu ordnen, nimmt danach erst seinen Lauf. Detail und Gesamtzusammensetzung, ebenso die Gedanken und Sinneserfahrungen dazwischen, werden miteinander in Relation gesetzt. Ist dieses Konstrukt stimmig, in irgendeiner Weise besonders? Das erinnert an eine Spinne, die ihr Netz spannt. Idealerweise werden dabei auch neue Fäden eingebunden.

Ein Kritiker sollte an diesem Punkt also anfangen zu wachsen – Wissen, Erfahrung und Kreativität mit dem Kritikobjekt verbinden und in der Tiefe erfassen. Regiert Klarheit in dem beurteilenden Individuum, beginnt der Weg hin zum Lesenden. Das Erlebte wird dann auf eine Aneinanderreihung von Worten abgebildet, im Mittelpunkt des Schreibens ist der Sprung von der Deskriptive hinein ins Normative – immerwährend beeinflusst von der Subjektivität des Kritikers und der Zielsetzung, das Gegenüber in eine Richtung hinsichtlich des Kritikobjektes zu bewegen. Was erfährt man und was sollte man der eigenen Meinung nach erfahren? „Gehen wir heute Abend lieber doch nicht ins Theater?“

Der Schreibprozess ist dabei von dem Bewusstsein geleitet, für wen die Kritik eigentlich verfasst wird. Der Verfassende schreibt sich selbst und beschreibt die Welt, aus der er kommt, zwischen die Zeilen, vielleicht sogar unmittelbar in sie hinein. Es ist der Standard, den der Publizierende vorgibt – aber die Subjektivität, mit der der Schreibende diesen erfüllt. So macht eine ehrliche kritische Rezension, den, dessen Gedanken sie transportiert, angreifbar. Offenbart der Kritisierende dem zu Kritisierenden seine Zustimmung, so hat er sich selbst konkret verortet. Das passiert über, unter oder neben dem Namen, der den großen Universitäten, Verlagen und geachteten Personen so nahe steht, dass er öffentlich in diesem Format schreiben darf.

Die Leichtigkeit negativer Kritik

Liegt der Fokus auf dem, was widerstrebt, so grenzt der Schreibende tendenziell das Kritikobjekt auf das Negative ein. Dem Lesenden wird präsentiert, was die eigene Darlegung stützt. Ein Teil des Ganzen. Des Kritikers Sammelsurium von Argumenten, weshalb die Essenz, wie sie ist, nicht richtig ist, wird durch einzelne Details nicht wieder aufgewertet. Die Wörter sind begrenzt. Es gilt, „den roten Faden“ beizubehalten.

Ungemein vereinfacht diese Reduktion auf „das Wesentliche“ das Verstehen für den Leser. Damit ist das Gesprächsthema definiert und eine Grundlage für das eigene Kritisieren geschaffen. So hat der Kritiker mit der eigenen Expertise den Kritikgegenstand für die Kritik der Gesellschaft freigegeben. Ist das wirklich die Aufgabe eines Kritikers?
Diese Definition entspannt. Negative Kritik – und ebenso das Kritisierte – wird gerne gelesen und noch viel lieber – ein zweites Mal zerrissen.

Es liegt nahe, dass lobenswerte Punkte weniger Raum in einer negativen Kritik einnehmen als kleine Schwächen in einer positiven Kritik. Ist ein Kritiker von etwas überzeugt und gesteht dies offen ein, so wird er das Werk als Ganzes präsentieren, um sich nicht mehr angreifbar zu machen als dies durch die öffentliche Zuneigung passiert. Er muss zeigen, er hat wirklich alles gesehen. Als Kritiker kann man an diesem Punkt mit einer sensiblen Hand inspirieren und das eigene konstruktive Potential vorstellen. Lesende werden sich trotz dieser Makel gerne selbst erproben.

Nebenbei versteckt eine harte Kritik eine weitere Frage. Dabei geht es um mehr als den Wissensstand des Lesenden. Der Kritiker hat wie beschrieben die Möglichkeit, diese Lücke zu schließen. Der Gedanke beschränkt sich auf Kunst, die von der Konstanz der Reproduktion lebt. Kann der Kritiker den Mitwirkenden vertrauen, das Erlebte auch zu einem anderen Zeitpunkt an jemand anderes heranzutragen? Es besteht weiter eine Restwahrscheinlichkeit, dass dem Lesenden das Beschriebene verschlossen bleibt und dieser sich dann von der Meinung des Kritisierenden abgrenzt.

Distanziert sich der Kritisierende inhaltlich von dem Kreierenden, so begibt er sich in die Richtung der Sicherheit. Interpretieren kann man, er oder sie wisse, dass etwas, wie es ist, nicht stimmig sei. Niemand weiß, wo er oder sie eigentlich steht. Gefahr läuft man an dieser Stelle lediglich, sich über den Künstler zu stellen. Dieser Akt vollzieht sich beinahe von selbst, steuert man ihm nicht bewusst mit respektvoller Wortwahl entgegen.

Was passiert nun mit dem Theaterkritiker von „Arsen und Spitzenhäubchen“? In der Kritik hat er die Möglichkeit, den Grad der Leichtigkeit selbst zu bestimmen. Wie ehrlich bin ich? Auf der Basis dieser Frage entscheidet sich, inwiefern die Rezension den Schreibenden, den Kreierenden, den Lesenden, die Gesellschaft oder die Institutionen, zwischen denen sie ihre Fäden spinnt, beeinflusst. Dabei ist es schwer, eine ehrliche Kritik zu verfassen, denn wählt man die falschen Gedanken oder Worte, verheddert man sich schnell selbst im Spinnennetz der Gesellschaft. Eine negative Kritik ist eine verführerische Alternative. „Leseabend, oder?“
Die nächste Rezension kommt bestimmt bald.