„Determinismus ist Mist“ oder „Eine Geschichte der absoluten Freiheit“

Niemand ist frei. Du glaubst mir nicht? Das war fast zu erwarten. Ich möchte ein Gedankenexperiment wagen. Doch lass uns erst einmal definieren, von was für einer Freiheit ich reden will. Ich rede von absoluter Freiheit. Das heißt, jeder ist sowohl vollkommen handlungs- als auch willensfrei. Daher: Keine Zwänge, Tendenzen oder Präferenzen existieren, die eine Person zu einer bestimmten Handlung verleiten könnten. Jeder kann tun und lassen, was er möchte, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Da so eine Welt recht selbst zerstörerisch wäre (wie du später noch sehen wirst), stellen wir uns vor, dass diese Freiheit urplötzlich und universell in einer der unseren identischen Welt eintritt. Nur eine Person lassen wir aus. Unseren Protagonisten, der weiterhin dem gewohnten Zustand ausgesetzt ist. „Warum darf ich nicht frei sein?“ Weil ich gnädig bin und ein Gegenbeispiel benötige. Nun, unser Protagonist, nennen wir ihn Paul,… „Ich heiße Kenny“. Wie auch immer. Nun, unser Protagonist sitzt in der Bibliothek. Er ist am Lernen. Plötzlich … Freiheit. Ein Kommilitone steht auf und beginnt, Tango zu tanzen. Ein zweiter beginnt, laut Selbstgespräche zu führen. „Sind denn alle irre geworden?!“ Nein, Kenny, sie sind frei. Ein weiterer Kommilitone … macht nichts mehr. Die Bibliothekarin hat ihn erschlagen. „Scheiße! Das schränkt ihn aber doch ziemlich ein! Du hast mich nicht in eine freie Welt befördert, sondern in eine bekloppte!“ Wieder nein, Kenny. Die Bibliothekarin ist frei. Sie darf erschlagen, wen sie will. Naja und der Tote. Der ist tot. Er hat keinen Willen mehr und ohne Willensfreiheit kann es doch auch keine wirkliche Handlungsfreiheit geben. „Was ist mit dem Willen zu leben?“ Hab ich nicht vorhin gesagt, dass absolute Freiheit nur gegeben ist, wenn keinerlei Konsequenzen zu befürchten sind? Wenn es keine Präferenzen gibt? Der Wunsch zu Leben ist, denke ich, eine Präferenz und eine ziemlich einschränkende noch dazu. Du bist in einer Welt, in der ALLE wirklich ABSOLUT frei sind. Pass auf: Ein Kommilitone nimmt Anlauf, springt vom Dach, fliegt am Fenster vorbei und schlägt auf der Strasse auf. Das nenne ich Freiheit. „Oh shit!“ Kenny läuft nach draußen und sieht sich mit einem ziemlichen Chaos konfrontiert. Verkehrsregeln? Schränken ein. Kleiderordnung? Schränkt ein. Gesetze? Schränken ein. Der Obstverkäufer bewirft die Passanten mit seiner Ware, ein Auto fährt durch den Stadtpark, ein alter Mann zieht sich aus. Kenny wird von einer alten Banane am Kopf getroffen. „HEY!!! Verdammt, was ist das für eine Welt?“ Eine freie. „Das ist doch Willkür. Hier kann doch alles geschehen!“ Sei nicht albern Kenny. Die Menschen sind willkürlich, sie sind frei. Dennoch kann nicht alles geschehen. Beispielsweise ist es immer noch sehr unwahrscheinlich, dass du plötzlich vom Blitz erschlagen wirst, da Kausalität grundsätzlich ja immer noch gültig ist. Sieh es doch positiv. Auch du bist frei. Du musst nur akzeptieren, dass Moral, Emotionen, Ängste und Pflichtbewusstsein jetzt dein ganz individuelles Monopol sind und Konventionen keine Bedeutung mehr besitzen. „Das ist doch Wahnsinn! Was soll ich den jetzt tun?“ Was du willst. „Und was will ich? Es macht doch keinen Sinn, so weiter zu machen wie bisher. Warum sollte ich lernen, wenn ich nicht sicher bin, ob jemand seine Freiheit dazu nutzt, meine Arbeiten zu lesen. Warum sollte ich studieren, wenn mein Abschluss mir keinen Vorteil verschafft, da ich sowieso tun kann, was ich will?“ Tja, das ist knifflig. Versuch doch einfach glücklich zu werden. „Das sagst du so leicht!!! Wie denn?“ Was würde dir denn Freude bereiten? „Weiß nicht. Eine Weltreise?“ Und warum machst du keine? „Woher weiß ich denn, ob ein Flug wirklich stattfindet, ob der Pilot auch wirklich dahin fliegt, wo ich hin will, ob nicht mitten im Flug einer die Tür aufmacht?“ Freiheit hat ihren Preis, Kenny. „Jetzt hör doch endlich auf mit den Glückskekssprüchen! Ich habe eine ernstzunehmende Sinnkrise!!!“

(Vielleicht wäre hier ein Ende gut.)

Freiheit. Ein wenig wie Klopapier. Man vermisst sie erst, wenn man feststellt, dass sie nicht vorhanden ist.

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